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Meryem Erkan
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Warum mache ich mich in Beziehungen immer kleiner, als ich bin?

Von Meryem Erkan · Veröffentlicht am

Weil es irgendwann einmal funktioniert hat. Sich kleinzumachen ist keine Charaktereigenschaft, sondern eine erlernte Strategie: Sie hat in einer Situation, in der du wenig Einfluss hattest, den Frieden gesichert. Heute brauchst du sie nicht mehr, aber sie läuft weiter, weil sie nie gekündigt wurde.

Besonders verwirrend ist es für Frauen, die im Beruf völlig anders auftreten. Das ist kein Widerspruch, sondern ein Hinweis.

Wie es aussieht

Es passiert selten in großen Momenten. Es passiert in Halbsätzen.

  • Du sagst “mir egal”, obwohl es dir nicht egal ist.
  • Du machst aus einem Wunsch eine Frage. “Wäre es vielleicht möglich, dass…”
  • Du lachst etwas weg, das dich getroffen hat.
  • Du entschuldigst dich, bevor du etwas sagst. “Sorry, nur ganz kurz.”
  • Du erzählst etwas, das dir wichtig ist, in zwei Sätzen und wechselst dann das Thema.
  • Du gibst nach, bevor überhaupt jemand widersprochen hat.

Das Letzte ist das häufigste und am schwersten zu bemerken. Viele Frauen verhandeln nie, weil sie das Ergebnis vorher schon einkalkuliert haben.

Warum ausgerechnet in Beziehungen

Dafür gibt es drei Gründe, und alle drei sind nachvollziehbar.

Weil es hier um mehr geht. Im Beruf kostet ein Konflikt dich eine unangenehme Woche. Zu Hause kostet er dich möglicherweise Nähe. Je höher der Einsatz, desto stärker greifen alte Strategien.

Weil die Rollen hier aus einer anderen Zeit stammen. In Beziehungen aktivieren sich Erfahrungen aus der Familie, in der du aufgewachsen bist. Dein beruflicher Auftritt ist später entstanden und sitzt obenauf. Unter Druck greift immer das Ältere.

Weil es gelobt wurde. Viele Frauen haben früh gelernt, dass Zurückstecken gut ist. Pflegeleicht, unkompliziert, nicht anstrengend. Das sind Worte, die wie Komplimente klingen, und für ein Kind sind sie das auch. Wer dafür jahrelang Anerkennung bekommen hat, erlebt das Gegenteil nicht als Stärke, sondern als Unanständigkeit.

Dieser dritte Punkt ist der, der am meisten bremst. Es geht dann nicht darum, ein Verhalten zu ändern, sondern eine Vorstellung davon, was ein guter Mensch ist.

Was dabei tatsächlich passiert

Hier liegt der eigentliche Haken, und er ist unangenehm.

Du machst dich kleiner, damit es ruhig bleibt. Kurzfristig funktioniert das, deshalb machst du es wieder.

Langfristig passieren zwei Dinge.

Dein Gegenüber bekommt falsche Informationen. Er geht davon aus, dass es dir recht war, weil du nichts gesagt hast. Er ist nicht unaufmerksam, er arbeitet mit dem, was er bekommt.

Es sammelt sich. Jedes einzelne Nachgeben ist klein. Nach drei Jahren ist daraus eine Rechnung geworden, die irgendwann aufgemacht wird, meistens bei einer Kleinigkeit und mit einer Wucht, die für ihn aus dem Nichts kommt.

Dann heißt es, du überreagierst. Und aus deiner Sicht ist es das Gegenteil: Du hast dreihundertmal nicht reagiert.

Was hilft

Nicht mehr Selbstvertrauen. Andere Sätze, in kleinen Situationen.

Streiche drei Wörter aus deiner Sprache.

Nur. “Ich wollte nur kurz fragen” wird zu “ich wollte fragen”. Eigentlich. “Eigentlich wollte ich lieber…” wird zu “ich möchte lieber”. Sorry als Einleitung. Entschuldige dich für Fehler, nicht dafür, dass du da bist.

Das ist der kleinste wirksame Eingriff, den ich kenne, und er verändert erstaunlich schnell, wie du wahrgenommen wirst.

Sag eine Sache pro Tag, die wirklich deine ist.

Welches Essen, welcher Film, wann du losmöchtest. Etwas Belangloses, bei dem nichts auf dem Spiel steht. Du übst damit nicht Durchsetzung, sondern Sichtbarkeit.

Lass die Begründung weg.

“Ich kann morgen nicht.” Punkt. Keine Erklärung, kein Vorschlag für einen Ersatztermin. Das fühlt sich beim ersten Mal unhöflich an und ist es nicht.

Warte kurz, bevor du nachgibst.

In diesen Sekunden merkst du oft, dass du gerade dabei bist, etwas aufzugeben, das du gar nicht aufgeben wolltest.

Was du erwarten darfst, wenn du anfängst

Es fühlt sich zuerst falsch an. Du wirst dich nach dem ersten klaren Satz nicht stolz fühlen, sondern schuldig. Das ist normal und geht vorbei.

Manche reagieren irritiert. Vor allem Menschen, denen dein Zurückstecken genützt hat. Das ist unangenehm und sagt nichts darüber aus, ob dein Weg richtig ist.

Dein Partner reagiert oft erleichtert. Das überrascht viele Frauen. Mit jemandem zu leben, von dem man nie erfährt, woran man ist, ist auch anstrengend.

Wo Üben nicht reicht

Wenn du dich klein machst, weil du weißt, was sonst passiert, dann ist das keine alte Gewohnheit, sondern eine vernünftige Reaktion auf eine Lage, die nicht in Ordnung ist. Übungen helfen dort nicht.

Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ist rund um die Uhr und kostenfrei unter 116 016 erreichbar, auch wenn du nur sortieren willst, was bei euch eigentlich los ist.

Was ich dir mitgeben möchte

Du machst dich nicht klein, weil du zu wenig wert bist. Du machst dich klein, weil es irgendwann die klügste verfügbare Lösung war.

Das war sie damals vielleicht. Heute ist sie es nicht mehr, und das Gute daran ist: Was gelernt wurde, lässt sich überschreiben.

Fang mit dem Wort “nur” an. Mehr ist für diese Woche nicht nötig.

Häufige Fragen

Warum mache ich mich in Beziehungen kleiner als im Beruf?

Weil in Beziehungen ältere Erfahrungen aktiv werden als im Beruf. Unter Druck greift immer die ältere Strategie, und der berufliche Auftritt ist später entstanden.

Ist das ein Zeichen von niedrigem Selbstwert?

Meistens ja, aber nicht als Charaktereigenschaft. Es ist eine Strategie, die früher Frieden gesichert hat und seitdem weiterläuft.

Warum fühlt sich Klarheit unhöflich an?

Weil viele Frauen gelernt haben, dass Zurückstecken gut ist. Dann geht es nicht nur um ein Verhalten, sondern um die Vorstellung davon, was ein guter Mensch ist.

Was ist der kleinste erste Schritt?

Drei Wörter streichen: "nur", "eigentlich" und "sorry" als Einleitung.

Warum explodiere ich manchmal bei Kleinigkeiten?

Weil sich jedes einzelne Nachgeben sammelt. Was von außen wie eine Überreaktion aussieht, sind dreihundert Male, in denen nicht reagiert wurde.

Der Donnerstagsbrief

Es gibt einen Brief von mir, immer donnerstags.

Für Frauen, die sich mit „es ist halt so“ nicht zufriedengeben.

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Wenn in deiner Beziehung Gewalt, systematische Abwertung, Kontrolle oder Isolation vorkommen, ist das keine Frage von Kommunikation. Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ist rund um die Uhr, kostenfrei und anonym unter 116 016 erreichbar.