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Meryem Erkan
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Warum 'liebe erst dich selbst' ein Denkfehler ist

Von Meryem Erkan · Veröffentlicht am

Der Satz klingt richtig und stellt die Reihenfolge auf den Kopf. Menschen entwickeln Selbstwert nicht allein und dann treten sie in Beziehungen ein. Sie entwickeln ihn in Beziehungen, durch Erfahrungen mit anderen Menschen. Wer wartet, bis er sich selbst genug liebt, wartet auf eine Voraussetzung, die so nie eintritt.

Woher der Satz kommt und warum er sich hält

Er hat einen wahren Kern, und deshalb ist er so hartnäckig.

Der wahre Kern: Wer die eigene Stabilität vollständig an einen anderen Menschen hängt, gerät in Schwierigkeiten. Das stimmt.

Was daraus gemacht wurde: ein Zulassungsverfahren. Erst musst du heil sein, dann darfst du lieben. Erst musst du dich selbst genug lieben, dann hast du eine gesunde Beziehung verdient.

Diese Version ist nicht nur falsch, sie ist auch grausam. Sie sagt Menschen, die sich einsam fühlen, dass sie selbst daran schuld sind und erst einmal an sich arbeiten müssen.

Warum die Reihenfolge nicht stimmt

Selbstwert entsteht aus Erfahrungen, und zwar aus einer bestimmten Sorte: dass man sich zeigt und trotzdem bleiben darf.

Diese Erfahrung kann man nicht allein machen. Allein kann man denken, schreiben, reflektieren, Bücher lesen. All das ist nützlich. Aber die Erfahrung, dass jemand bleibt, obwohl man unbequem war, macht man mit einem Menschen.

Deshalb kommt es immer wieder zu demselben Verlauf: Frauen, die über Jahre allein an sich gearbeitet haben und sehr genau über sich Bescheid wissen, verschwinden in der nächsten Beziehung trotzdem wieder. Nicht weil sie zu wenig gearbeitet hätten. Weil Beziehungsmuster sich in Beziehungen zeigen und nirgendwo sonst.

Die bessere Formulierung wäre also nicht “liebe erst dich selbst”, sondern: lerne, dich in Beziehungen nicht zu verlieren. Das ist etwas völlig anderes, und es ist das, was tatsächlich zu tun ist.

Was der Satz in der Praxis anrichtet

Drei Dinge, die ich regelmäßig sehe.

Er wird zur Ausrede fürs Warten. “Ich bin noch nicht so weit.” Das kann man jahrelang sagen. Es gibt keinen Punkt, an dem sich jemand fertig fühlt.

Er verlagert jede Verantwortung zur Frau. Wenn du ihn nicht dazu bekommst, dich gut zu behandeln, liebst du dich offenbar noch nicht genug. Das ist die unausgesprochene Botschaft, und sie trifft fast immer die Falsche.

Er macht Bedürftigkeit zu einem Makel. Menschen brauchen Menschen. Das ist keine Schwäche, die man überwinden muss, bevor man liebenswert wird. In der Fachsprache heißt der Vorgang, dass zwei Menschen sich gegenseitig beruhigen, Co-Regulation, und er ist keine Störung, sondern die Grundausstattung.

Warum der Satz so hartnäckig ist

Er klingt stärkend, er klingt nach Eigenverantwortung, und er ist einfach zu sagen. Deshalb wird er weitergegeben, auch von Leuten, die es gut meinen.

Was er bei den Frauen anrichtet, die ihn ernst nehmen, ist etwas anderes. Sie arbeiten an sich, sie werden tatsächlich klarer, und dann stehen sie in derselben Situation wie vorher und schließen daraus, dass sie noch nicht genug gearbeitet haben.

Das Problem ist aber nicht ihr Selbstwert. Das Problem ist, dass niemand ihnen gesagt hat, dass man das nicht vorher erledigt, sondern mittendrin.

Was stattdessen gilt

Drei Sätze, die ich für richtiger halte.

Du musst nicht fertig sein, um geliebt zu werden. Niemand ist fertig. Die Menschen, die du für gefestigt hältst, sind es auch nicht.

Selbstwert zeigt sich darin, was du tust, nicht darin, wie du dich fühlst. Du kannst dich unsicher fühlen und trotzdem sagen, was du willst. Genau das ist der Weg. Nicht erst das Gefühl, dann die Handlung.

Du darfst jemanden brauchen. Die Frage ist nicht, ob du jemanden brauchst, sondern ob du dich dabei selbst noch siehst.

Wo der Satz doch stimmt

Es gibt eine Situation, in der der Rat seine Berechtigung hat.

Wenn jemand eine Beziehung sucht, damit sie etwas repariert, das vorher kaputtgegangen ist, und zwar ganz allein. Wenn der nächste Mensch das Loch füllen soll, das der letzte hinterlassen hat. Dann ist Abstand sinnvoll, und zwar nicht, weil man sich erst selbst lieben muss, sondern weil man sonst dieselbe Erwartung an die nächste Person stellt.

Und wenn du gerade in einer Beziehung kleingemacht wirst, dann ist Arbeit an deinem Selbstwert nicht die erste Aufgabe. Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ist rund um die Uhr und kostenfrei unter 116 016 erreichbar.

Was ich dir mitgeben möchte

Wenn du auf dich wartest, kannst du lange warten.

Was du nicht brauchst, ist ein abgeschlossener Zustand, bevor du anfängst. Was du brauchst, ist diese Woche eine einzige Situation, in der du sagst, was du willst, obwohl du dich dabei unsicher fühlst.

Das Gefühl kommt nach. In dieser Reihenfolge, nicht umgekehrt.

Häufige Fragen

Stimmt es, dass man sich erst selbst lieben muss?

Nein, nicht in dieser Reihenfolge. Selbstwert entsteht durch Erfahrungen mit anderen Menschen, vor allem durch die Erfahrung, sich zu zeigen und trotzdem bleiben zu dürfen. Die kann man allein nicht machen.

Warum ist dieser Ratschlag problematisch?

Weil er zum Warten einlädt, weil er die Verantwortung für das Verhalten anderer zur Frau verschiebt, und weil er Bedürftigkeit zu einem Makel erklärt.

Was sollte man stattdessen tun?

Nicht warten, bis das Gefühl da ist, sondern in kleinen Situationen anders handeln. Das Gefühl folgt dem Verhalten, nicht umgekehrt.

Gibt es Situationen, in denen der Rat stimmt?

Ja. Wenn jemand von einer neuen Beziehung erwartet, dass sie allein repariert, was vorher zerbrochen ist. Dann ist Abstand sinnvoll.

Ist es schwach, jemanden zu brauchen?

Nein. Dass Menschen sich gegenseitig beruhigen, ist die Grundausstattung und keine Störung. Die Frage ist nur, ob du dich dabei selbst noch siehst.

Der Donnerstagsbrief

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