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Zuhören, ohne sich zu verteidigen: wie das praktisch geht

Von Meryem Erkan · Veröffentlicht am

Sich nicht zu rechtfertigen, während jemand sagt, dass man ihn verletzt hat, ist die schwerste Fähigkeit in einer Beziehung. Sie ist auch die wirksamste, denn fast jedes Gespräch, das eskaliert, kippt an genau derselben Stelle: Einer erzählt, der andere erklärt, warum es nicht so war.

Das gilt für beide Seiten. Dieser Text ist für dich, egal ob du gerade die Zuhörende bist oder die Erzählende.

Warum der Reflex so stark ist

Wenn jemand sagt “du hast mich verletzt”, hörst du zwei Dinge gleichzeitig. Eine Information über sein Erleben und eine Aussage darüber, was für ein Mensch du bist.

Das zweite ist fast immer lauter. Deshalb antwortest du nicht auf das Erlebnis, sondern auf die unterstellte Anklage. “Das war doch gar nicht so gemeint.” “Du hast mich falsch verstanden.” “Ich habe doch extra gesagt, dass…”

Jeder dieser Sätze ist womöglich sachlich richtig. Und jeder beendet das Gespräch.

Denn für den anderen klingt das so: Mein Erleben zählt weniger als deine Absicht.

Der Unterschied, den fast niemand kennt

Es gibt zwei Dinge, die ständig verwechselt werden.

Absicht ist, was du wolltest. Wirkung ist, was angekommen ist.

Beide können völlig verschieden sein, und beide sind gleichzeitig wahr. Du wolltest ihn nicht bloßstellen. Er fühlte sich bloßgestellt. Beides stimmt.

Die meisten Paare streiten darüber, welche der beiden Wahrheiten gilt, und darauf gibt es keine Antwort. Wer zuhören kann, erkennt die Wirkung an, ohne die Absicht zu widerrufen.

Das klingt nach einem Trick. Es ist der ganze Unterschied.

Was in dem Moment hilft

Zuerst nichts sagen. Wenn der Impuls zur Erklärung kommt, warte kurz. Nicht, um dich zu beherrschen, sondern weil der Impuls in diesen Sekunden schwächer wird.

Das Erlebnis anerkennen, nicht bewerten.

“Das war offenbar richtig schlimm für dich.”

“Ich verstehe, dass sich das so angefühlt hat.”

Wichtig: Du stimmst damit keiner Tatsachenbehauptung zu. Du sagst nur, dass du gehört hast, wie es ihm ging. Viele Menschen trauen sich diesen Satz nicht, weil sie glauben, sie würden damit Schuld eingestehen. Das stimmt nicht.

Nachfragen, statt einzuordnen.

“Was war für dich der schlimmste Teil davon?”

Diese Frage wirkt fast immer. Sie zeigt, dass du nicht auf eine Lücke wartest, um deine Version zu platzieren.

Deine Sicht erst, wenn er fertig ist.

“Darf ich dir sagen, wie es bei mir war? Du musst mir nicht zustimmen.”

Dieser Satz ist höflich und wirksam zugleich. Wer gefragt wird, hört anders zu als wer überfahren wird.

Vier Sätze, die immer eskalieren

Ich nenne sie, weil sie so geläufig sind, dass man sie nicht mehr hört.

“Das war doch gar nicht so gemeint.” Setzt Absicht über Wirkung.

“Du bist zu empfindlich.” Erklärt das Erleben für ungültig. Der sicherste Weg, aus einem kleinen Konflikt einen großen zu machen.

“Und was ist mit dem, was du letzte Woche gemacht hast?” Die Gegenrechnung. Ab hier geht es um Buchhaltung.

“Ich habe mich doch entschuldigt.” Beendet das Thema einseitig und meistens zu früh.

Wenn du einen dieser Sätze gesagt hast, kannst du zurückrudern. Das geht erstaunlich gut:

“Warte, das war Quatsch. Erzähl noch mal von vorn.”

Wenn du diejenige bist, die erzählt

Zuhören lässt sich leichter machen. Zwei Dinge helfen deinem Gegenüber enorm.

Sag am Anfang, was du nicht willst.

“Ich will nicht, dass du dich rechtfertigst. Ich will nur, dass du es weißt.”

Damit nimmst du ihm den Grund zur Verteidigung.

Sag, was du brauchst, bevor er raten muss.

“Du musst nichts lösen. Sag mir einfach, dass du verstehst, warum mich das getroffen hat.”

Sehr viele Männer gehen deshalb in den Lösungsmodus, weil sie glauben, das sei gefragt. Wer das vorher klärt, spart sich eine ganze Streitsorte.

Was tun, wenn ihr beide gleichzeitig verletzt seid

Das ist der häufigste Fall und der schwerste. Dann will keiner zuhören, weil beide gehört werden wollen.

Dafür gibt es nur eine Lösung, und sie ist unromantisch: nacheinander.

Einer erzählt fünf Minuten, der andere hört zu und stellt eine Nachfrage. Dann umgekehrt. Erst danach wird diskutiert.

Das fühlt sich künstlich an. Es funktioniert trotzdem, weil die meisten Paare nicht daran scheitern, dass sie einander nicht verstehen, sondern daran, dass sie gleichzeitig sprechen wollen.

Wo Zuhören nicht die Aufgabe ist

Wenn dein Gegenüber dir regelmäßig erklärt, dass deine Wahrnehmung falsch ist, dass du dich falsch erinnerst oder dass du überreagierst, dann ist das kein Kommunikationsproblem, an dem du arbeiten musst. Das ist etwas anderes, und es gehört besprochen, am besten mit jemandem von außen. Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ist rund um die Uhr und kostenfrei unter 116 016 erreichbar.

Was ich dir mitgeben möchte

Zuhören wird oft als passiv beschrieben, als das, was man tut, während der andere spricht.

Es ist das Gegenteil. Es ist die anstrengendste Sache in einem Konflikt, weil du dabei etwas aushalten musst: dass jemand ein Bild von dir hat, das du nicht teilst, und dass du es stehen lässt, ohne es sofort zu korrigieren.

Wer das kann, auch nur fünf Minuten lang, verändert die meisten Gespräche in seiner Beziehung.

Häufige Fragen

Warum verteidige ich mich sofort, obwohl ich das nicht will?

Weil du in "du hast mich verletzt" gleichzeitig eine Aussage darüber hörst, was für ein Mensch du bist. Du antwortest dann auf die unterstellte Anklage statt auf das Erlebnis.

Heißt Anerkennen, dass ich schuld bin?

Nein. Du erkennst an, wie es angekommen ist, nicht was du beabsichtigt hast. Beides kann gleichzeitig wahr sein.

Was mache ich, wenn wir beide gleichzeitig verletzt sind?

Nacheinander sprechen. Fünf Minuten einer, dann der andere, erst danach diskutieren. Wirkt künstlich und funktioniert.

Welche Sätze sollte ich vermeiden?

"Das war nicht so gemeint", "du bist zu empfindlich", jede Gegenrechnung und "ich habe mich doch entschuldigt".

Donnerstagsbrief

Donnerstags schreibe ich einen Brief.

An Frauen, die gerade mittendrin sind.

Manchmal über Selbstwert, manchmal über Grenzen, manchmal über das, was eine Beziehung trägt.

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Mehr dazu in der Podcast-FolgeFünf Kommunikationsgeheimnisse

Wenn in deiner Beziehung Gewalt, systematische Abwertung, Kontrolle oder Isolation vorkommen, ist das keine Frage von Kommunikation. Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ist rund um die Uhr, kostenfrei und anonym unter 116 016 erreichbar.