Verstehen heißt nicht zustimmen. Der Satz, an dem die meisten Paare scheitern
Von Meryem Erkan · Veröffentlicht am
Fast alle Paare, die aneinander vorbeireden, machen denselben Fehler: Sie glauben, wer die Sicht des anderen versteht, hat damit schon nachgegeben. Deshalb korrigieren sie mitten im Zuhören. “Nein, das war nicht so.” “Das habe ich nie gesagt.” Und damit ist das Gespräch beendet, bevor es angefangen hat.
Diese Verwechslung ist nach meiner Erfahrung der häufigste Grund, warum Paare einander nach Jahren nicht mehr erreichen.
Woran du es erkennst
Es sieht so aus:
Sie erzählt, wie es für sie war, als er am Sonntag vor seinen Eltern über sie gelacht hat.
Er sagt: Das war doch nur ein Witz.
Sie erzählt weiter.
Er sagt: Und außerdem hast du vorher auch etwas über mich gesagt.
An dieser Stelle ist Schluss. Nicht weil er böse ist. Sondern weil er glaubt, er müsse sich wehren, sonst gilt das Gesagte als Tatsache.
Und sie merkt: Er hört mir nicht zu. Also erzählt sie es noch einmal, lauter oder genauer. Was ihn noch stärker zur Verteidigung bringt.
So laufen hunderte Gespräche ab, bei denen beide am Ende erschöpft sind und niemand etwas erfahren hat.
Was dahintersteckt
Zwei Dinge, die ständig verwechselt werden.
Verstehen heißt: Ich weiß jetzt, wie es für dich war.
Zustimmen heißt: Ich finde, du hast recht.
Das ist nicht dasselbe, und man kann das eine ohne das andere tun. Du kannst genau wissen, wie es für ihn war, und seine Sicht trotzdem für falsch halten. Beides gleichzeitig.
Für dein Gegenüber ist das aber nicht offensichtlich. Deshalb wehrt er sich gegen das Zuhören selbst. Er hat Angst, dass Nicht-Widersprechen als Eingeständnis zählt.
Wenn dieser Satz einmal ausgesprochen und verstanden ist, verändert sich etwas Grundlegendes. Er ist in meiner Arbeit einer der ersten, die fallen, und oft der Moment, an dem Paare aufhorchen.
Was du heute Abend ausprobieren kannst
Das Prinzip lässt sich zu Hause üben. Es braucht nur zwei Dinge: Zeit, in der nichts eskaliert, und die Bereitschaft, einmal nicht zu korrigieren.
Einer erzählt, der andere hört zu. Ein Thema, keine Bilanz. Und ohne “du machst immer” und ohne “jedes Mal”.
Dann sagt der Zuhörende nur, was er gehört hat. Nicht was er davon hält, nicht wie es wirklich war. Nur das, was angekommen ist.
“Du hast dich bloßgestellt gefühlt, als ich diesen Witz gemacht habe.”
Dann wird nachjustiert, bis es stimmt. “Fast. Das Schlimmste war, dass alle gelacht haben.”
Dann wird getauscht. Und erst danach wird diskutiert.
Zwei Sätze helfen, den Rahmen zu setzen. Für die, die erzählt:
“Du musst mir nicht zustimmen. Ich will nur, dass du weißt, wie es für mich war.”
Für den, der zuhört:
“Ich sehe das anders, und das sage ich dir nachher. Jetzt will ich erst verstehen, wie es bei dir war.”
Der zweite Satz ist der wichtigere. Er erlaubt ihm, zuzuhören, ohne sich aufzugeben.
Warum das Zusammenfassen so schwer ist
Weil es sich anfühlt wie Aufgeben.
Du hörst eine Darstellung, die aus deiner Sicht ungenau ist, und sollst sie wiederholen, ohne sie richtigzustellen. Das kostet Überwindung, und zwar jeden.
Was hilft, ist der Gedanke: Du gibst nicht zu, dass es so war. Du gibst zu, dass es sich für sie so angefühlt hat. Und das ist unbestreitbar, weil es ihr Gefühl ist und nicht deine Tat.
Es gibt noch einen zweiten Grund. Beim Zusammenfassen musst du die eigene Welt für zwei Minuten verlassen. Genau das tun Paare in festgefahrenen Beziehungen fast nie. Sie hören zu, aber sie bleiben in ihrer eigenen Deutung sitzen und warten auf die Stelle, an der sie wieder einhaken können.
Was in der Beratung dazukommt
Damit es ehrlich bleibt: Der Teil oben ist der Anfang, nicht das Ganze.
Wenn es bei euch zu Hause nicht funktioniert, liegt das meistens nicht an mangelndem Willen. Es liegt an zwei Dingen, die von innen schwer zu sehen sind.
Das erste ist die Ebene, auf der ihr sprecht. Es gibt einen Grund, warum ein harmlos gemeinter Satz beim anderen etwas auslöst, das nicht zur Situation passt. Diese Ebene sichtbar zu machen, ist der Teil meiner Arbeit, der Gespräche am schnellsten verändert, und er funktioniert selten im Selbstversuch.
Das zweite ist der Moment, in dem es kippt. Zu Hause merkt ihn niemand früh genug. In einer Sitzung unterbreche ich genau dann, und ihr spielt die Szene noch einmal, anders. Dass es im Raum passiert und nicht als Vorsatz für nächste Woche, ist der eigentliche Unterschied.
Das ist nicht als Werbung gemeint. Es ist der Grund, warum manche Paare mit dem Prinzip oben weit kommen und andere nicht.
Wo das nicht hingehört
Das Prinzip funktioniert nicht, wenn einer von beiden schon überflutet ist. Ab einem bestimmten Punkt der Aufregung kann niemand zusammenfassen, auch mit dem besten Willen nicht. Dann braucht es erst zwanzig bis dreißig Minuten Abstand.
Und es funktioniert nicht, wenn deine Wahrnehmung regelmäßig für falsch erklärt wird. Wenn du immer wieder hörst, dass du dich falsch erinnerst oder übertreibst, dann ist das kein Kommunikationsproblem, an dem du üben müsstest. Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ist rund um die Uhr, kostenfrei und anonym unter 116 016 erreichbar.
Was ich dir mitgeben möchte
Die meisten Paare, die bei mir sitzen, haben kein Verständnisproblem. Sie haben ein Erlaubnisproblem. Keiner von beiden traut sich, den anderen zu verstehen, weil beide glauben, sie verlieren damit etwas.
Der Satz, der das auflöst, ist kurz: Verstehen ist nicht zustimmen.
Wenn ihr ihn euch beide einmal richtig sagt, bevor das nächste schwierige Gespräch anfängt, verändert das mehr als jede Technik.
Häufige Fragen
Was heißt "Verstehen ist nicht Zustimmen"?
Verstehen heißt, du weißt, wie etwas für den anderen war. Zustimmen heißt, du findest, er hat recht. Beides lässt sich trennen, und genau diese Trennung macht schwierige Gespräche möglich.
Warum korrigiert mein Partner mich mitten im Zuhören?
Weil er glaubt, wer nicht widerspricht, gibt zu. Das Korrigieren ist Selbstschutz, nicht Desinteresse.
Was, wenn beim Zuhören vieles nicht stimmt?
Aushalten und in der eigenen Runde sagen. Du bestätigst nicht die Tatsachen, sondern das Erleben.
Bei uns klappt das nicht. Woran liegt das?
Meist an zwei Dingen, die von innen schwer zu sehen sind: an der Ebene, auf der ihr miteinander sprecht, und daran, dass der Moment, in dem ein Gespräch kippt, zu Hause niemand früh genug bemerkt.
Wann funktioniert es gar nicht?
Wenn einer schon zu aufgeregt ist. Dann braucht es erst zwanzig bis dreißig Minuten Abstand, sonst kommt nichts an.
Es gibt einen Brief von mir, immer donnerstags.
Für Frauen, die sich mit „es ist halt so“ nicht zufriedengeben.
Wenn in deiner Beziehung Gewalt, systematische Abwertung, Kontrolle oder Isolation vorkommen, ist das keine Frage von Kommunikation. Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ist rund um die Uhr, kostenfrei und anonym unter 116 016 erreichbar.