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Woran fühlst du dich eigentlich geliebt?

Von Meryem Erkan · Veröffentlicht am

Wenn du das Gefühl hast, nicht geliebt zu werden, obwohl dein Partner viel für dich tut, dann liegt das häufig daran, dass du selbst keine Antwort auf diese Frage hast. Solange sie fehlt, kann er alles Mögliche tun, und es kommt nicht bei dir an. Nicht weil er das Falsche tut, sondern weil es an einer Stelle landet, an der du es nicht spürst.

Diese Frage ist die, die ich in Sitzungen am häufigsten stelle. Und sie ist die, auf die am seltensten sofort eine Antwort kommt.

Ein Streit, den ich oft erlebt habe

Sie sagt: Du liebst mich nicht.

Er sagt: Wie kommst du darauf. Ich habe das Haus auf Kredit genommen. Ich habe dir das neue Handy gekauft. Wir fahren jedes Jahr in Urlaub. Was willst du denn noch?

Sie sagt: Trotzdem. Du liebst mich nicht.

An dieser Stelle sitzen zwei Menschen, die sich beide im Recht fühlen, und beide haben recht. Er hat wirklich alles getan, was er unter Liebe versteht. Und sie spürt wirklich nichts davon.

Dann frage ich sie: Woran würdest du es merken?

Und meistens kommt zuerst eine lange Pause.

Warum die Frage so schwer ist

Weil wir nie gelernt haben, sie zu beantworten.

Wir haben alle eine Vorstellung davon, was Liebe ist. Aber fast niemand hat eine Vorstellung davon, woran er es bemerkt. Das ist ein Unterschied, und er entscheidet darüber, ob eine Beziehung sich warm anfühlt oder leer.

Dazu kommt etwas, das vielen peinlich ist. Die Antwort ist oft überraschend klein. Sie ist selten das Haus und selten die Reise. In dem Fall, von dem ich erzähle, kam nach langem Nachdenken dieser Satz:

Ich würde mich geliebt fühlen, wenn du mir einfach mal einen Zettel schreibst und ihn in meine Jackentasche steckst.

Er war fassungslos. Das reicht dir? Ein Zettel?

Ja. Das reichte.

Was in diesem Moment passiert

Zwei Dinge, und beide sind entlastend.

Er bekommt zum ersten Mal eine Aufgabe, die er erfüllen kann. Vorher war der Auftrag: Liebe mich mehr. Daran kann niemand arbeiten. Jetzt ist der Auftrag: Schreib mir manchmal einen Zettel. Das ist machbar.

Sie bekommt eine Antwort auf eine Frage, die sie jahrelang gequält hat. Nämlich, ob sie zu viel verlangt. Die Antwort ist nein. Sie hat nur etwas anderes gebraucht, als er gegeben hat.

Keiner von beiden hat etwas falsch gemacht. Sie haben nur aneinander vorbei geliebt.

Was das nicht ist

Es gibt Tests, die Menschen in Typen einteilen und sagen, so wirst du geliebt. Das ist nicht gemeint.

Es geht nicht um eine Kategorie. Es geht um deine konkrete Antwort, in deinen Worten, so klein und so unspektakulär wie sie eben ist. “Ich fühle mich geliebt, wenn du fragst, wie mein Tag war, und dann die Antwort abwartest” ist eine brauchbare Antwort. “Ich bin der Typ Zeit” ist keine, weil daraus niemand etwas machen kann.

So findest du deine Antwort

Nimm dir zwanzig Minuten, allein, nicht nach einem Streit.

Geh zurück zu einem Moment, in dem du es gespürt hast.

Irgendwann in den letzten Jahren gab es einen Moment, in dem du dich geliebt gefühlt hast. Nicht den romantischsten, sondern irgendeinen. Was ist da passiert, ganz konkret?

Bei den meisten Frauen ist es etwas Kleines. Er hat gemerkt, dass es dir schlecht geht, ohne dass du es gesagt hast. Er hat dich in Ruhe gelassen, als du es gebraucht hast. Er hat vor anderen etwas Gutes über dich gesagt.

Frag dich, was daran gewirkt hat.

Dass du gesehen wurdest? Dass jemand Mühe hatte? Dass du nicht darum bitten musstest? Dass es öffentlich war?

Das ist der eigentliche Hinweis. Nicht die Handlung, sondern was sie bei dir ausgelöst hat.

Finde eine Handlung, die das wieder auslösen würde.

Hier wird es praktisch. Was wäre etwas, das er nächste Woche tun könnte und das dasselbe auslöst?

Es muss klein sein. Etwas, das in einen normalen Dienstag passt. Große Dinge gehen nicht wöchentlich, und was nicht wiederholbar ist, verändert nichts.

Sag es ihm. Nicht als Vorwurf, sondern als Antwort.

Der Satz dazu:

“Ich habe über etwas nachgedacht. Du hast mich mal gefragt, was ich eigentlich will. Ich glaube, ich weiß es jetzt.”

Das ist etwas völlig anderes als “du machst nie”. Es ist eine Information, die er gebrauchen kann.

Und wenn er es dann nicht tut?

Dann hast du trotzdem gewonnen, auch wenn sich das gerade nicht so anfühlt.

Vorher gab es ein Gefühl ohne Erklärung. Jetzt gibt es eine klare, kleine, erfüllbare Bitte. Was er damit macht, ist eine Information über ihn und nicht mehr über dich.

Meiner Erfahrung nach tun die meisten es. Oft erleichtert, weil sie jahrelang das Gefühl hatten, etwas Unmögliches schulden zu sollen.

Was sich verändert, wenn du es sagst

Es wird besser, und zwar für beide.

Du weißt dann, was du eigentlich willst. Das klingt banal und ist der schwierigere Teil. Und er weiß, was zu tun ist.

Solange der Satz “ich möchte geliebt werden” im Raum steht, kann er damit nichts anfangen. Er antwortet dann mit dem, was er für Liebe hält. Ich sorge doch für dich. Ich bringe den Müll raus. Was willst du denn noch?

Und er meint das ernst.

Sobald du sagst, dass du dir einen Brief wünschst, oder dass er dich ausführt, oder dass er dich überrascht, hat er zum ersten Mal etwas in der Hand.

Das bringt Klarheit. Für euch beide.

Die Frage für ihn

Die Frage funktioniert in beide Richtungen, und das wird fast immer vergessen.

Woran fühlt er sich geliebt?

Viele Frauen haben darauf keine Antwort, und viele Männer haben sie selbst nicht. Wenn ihr beide eure Antwort kennt, löst sich ein überraschend großer Teil der Vorwürfe auf. Was vorher als Lieblosigkeit gelesen wurde, war oft Liebe in der falschen Sprache.

Wo das nicht greift

Wenn dein Partner weiß, was du brauchst, und es bewusst verweigert, um dich klein zu halten, dann ist das keine Verständigungsfrage.

Und wenn du Abwertung, Kontrolle oder Gewalt erlebst, dann ist nicht die Frage nach dem Geliebtwerden die nächste. Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ist rund um die Uhr, kostenfrei und anonym unter 116 016 erreichbar.

Was ich dir mitgeben möchte

Viele Frauen glauben, sie seien zu anspruchsvoll. Das sind aber keine Ansprüche. Das sind Werte, und man darf Werte und Erwartungen gegenüber Menschen haben. Sonst macht man sich wie ein Gummi und kann die eigene Identität nicht mehr ausleben.

Das Problem ist fast nie, dass eine Frau zu viel will. Es ist, dass sie nie gesagt hat, was es genau ist.

Und es ist meistens ein Zettel in einer Jackentasche. Nicht ein Haus.

Häufige Fragen

Warum fühle ich mich nicht geliebt, obwohl mein Partner viel für mich tut?

Weil das, was er tut, oft nicht an der Stelle ankommt, an der du es spürst. Solange du selbst nicht weißt, woran du es merkst, kann er viel tun, ohne dass es wirkt.

Wie finde ich heraus, woran ich mich geliebt fühle?

Geh zu einem konkreten Moment zurück, in dem du es gespürt hast. Frag dich, was daran gewirkt hat, nicht was passiert ist. Daraus leitest du eine kleine, wiederholbare Handlung ab.

Ist es nicht unromantisch, das ansprechen zu müssen?

Es fühlt sich zuerst so an. Für dein Gegenüber ist es die erste Information, mit der er überhaupt etwas machen kann.

Was, wenn meine Antwort zu klein wirkt?

Sie ist fast immer klein. Große Dinge lassen sich nicht wöchentlich wiederholen, und nur das Wiederholbare verändert etwas.

Was, wenn er es trotzdem nicht tut?

Dann hast du eine klare Information über seine Bereitschaft und nicht mehr über deinen Anspruch. Das ist ein Unterschied.

Gilt die Frage auch für ihn?

Ja, und sie wird fast immer vergessen. Wenn beide ihre Antwort kennen, lösen sich viele Vorwürfe auf.

Donnerstagsbrief

Wenn du magst, begleite ich dich ein Stück weiter.

Jeden Donnerstag ein Brief, geschrieben für Frauen, mit einem Gedanken, den du im Alltag ausprobieren kannst.

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Mehr dazu in der Podcast-FolgeDas größte Geheimnis glücklicher Paare

Wenn in deiner Beziehung Gewalt, systematische Abwertung, Kontrolle oder Isolation vorkommen, ist das keine Frage von Kommunikation. Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ist rund um die Uhr, kostenfrei und anonym unter 116 016 erreichbar.