Die Schwiegermutter mischt sich ein. Was hilft wirklich?
Von Meryem Erkan · Veröffentlicht am
Was hilft, ist keine Abgrenzung von seiner Mutter, sondern eine Entscheidung, die ihr als Paar vorher gemeinsam trefft. Und eine Regel, die fast alles verändert: Jeder spricht mit der eigenen Familie. Sehr viele Konflikte in dieser Lage entstehen daraus, dass jemand etwas klären soll, das nicht seine Aufgabe ist.
Dieser Text ist nicht gegen Schwiegermütter geschrieben. In den meisten Fällen, mit denen ich arbeite, meint es niemand böse, und genau das macht es so schwer.
Die Sätze, die ich immer wieder höre
Es sind fast immer dieselben drei.
“Das macht man so nicht.”
“Ich meine das ja nicht böse.”
“Das ist nur zu euerm Guten.”
Alle drei sind harmlos formuliert, und das ist der Grund, warum sie so wirksam sind. Wer darauf reagiert, steht sofort als empfindlich da. Wer nicht reagiert, schluckt es.
Was dabei verletzt, ist selten der Inhalt. Es ist die Botschaft darunter: Hier wird über euer Leben mitentschieden, und du hast die Einladung dazu nicht ausgesprochen.
Grenzen werden meistens nicht mit Worten überschritten
Das ist ein Punkt, der in Ratgebertexten fast nie vorkommt, und in meiner Arbeit der häufigste.
Es wird nicht gesagt, dass eine Regel nicht gilt. Es wird einfach anders gehandelt.
Jemand kommt, ohne sich anzukündigen. Jemand bringt dem Kind etwas mit, das ihr nicht wolltet. Jemand räumt in deiner Küche um. Jemand bleibt zwei Stunden länger, als besprochen war. Niemand hat widersprochen, es ist nur niemand zur Kenntnis genommen worden.
Deshalb bringt ein Gespräch über Prinzipien in dieser Lage wenig. Was wirkt, sind Vereinbarungen über konkrete Situationen.
Warum “er soll mal etwas sagen” so oft scheitert
Das ist der Kern, und hier liegt die Reihenfolge bei den meisten Paaren falsch.
Die typische Abfolge: Du erzählst ihm, was passiert ist. Du möchtest, dass er mit seiner Mutter spricht. Er sagt, du machst zu viel daraus, oder er sagt zu, tut es aber nicht. Oder er tut es, und dann ist seine Mutter gekränkt, ruft ihn an, und am Ende steht er zwischen euch und ist von beiden Seiten unzufrieden.
Was dabei meistens übersehen wird: Er muss sich überhaupt nicht entscheiden. Niemand verlangt von ihm, sich für eine von euch zu entscheiden, auch wenn es sich für ihn so anfühlt.
Was er aber tun muss, und zwar zuerst, ist etwas anderes.
Schritt eins: Er versteht dich.
Hinter dem Ärger über eine Situation steht fast immer ein Satz wie: Seine Mutter respektiert mich nicht. Sie ist gegen mich. Sie sieht mich nicht als die Frau, die zu dieser Familie gehört.
Das ist der Punkt, der wehtut. Nicht die unangekündigte Tür.
Solange dieser Punkt nicht gehört wurde, wird jede Handlung von ihm zu wenig sein. Er kann mit seiner Mutter sprechen, und du bist trotzdem nicht beruhigt, weil die Verletzung an einer anderen Stelle sitzt.
Schritt zwei: Dann handelt er.
An dieser Stelle sagen viele Frauen, und das ist berechtigt: Gefühle reichen mir nicht. Ich will, dass sich etwas ändert.
Richtig. Verständnis allein ist nicht die Lösung, es ist die Voraussetzung. Nach Schritt eins kommt Schritt zwei, und der besteht darin, dass ihr als Paar eine Grenze zieht. Nicht er allein, nicht du allein.
Wie eine Paargrenze aussieht
Der Unterschied ist wichtiger, als er klingt.
Keine Paargrenze: “Deine Mutter soll nicht mehr unangekündigt kommen.” Das ist deine Forderung an ihn, die er bei ihr durchsetzen soll.
Eine Paargrenze: “Wir machen es ab jetzt so, dass Besuch sich vorher meldet.” Das ist eine Entscheidung von euch beiden über euer Zuhause.
Der zweite Satz lässt sich gegenüber jeder Familie vertreten, ohne dass jemand beschuldigt wird. Und er nimmt dich aus der Rolle derjenigen, die angeblich etwas gegen die Familie hat.
Drei Beispiele, wie das praktisch aussieht:
“Wir melden uns, wenn wir Besuch schaffen. Im Moment ist es bei uns noch sehr voll.”
“Wir haben uns entschieden, das bei uns so zu machen. Das hat nichts damit zu tun, wie du es gemacht hast.”
“Wir würden gern vorher Bescheid bekommen, damit wir da sind und Zeit haben.”
Das Entscheidende ist das Wort “wir”. Es verschiebt die Sache von einer Meinungsverschiedenheit zwischen zwei Frauen zu einer Entscheidung eines Paares.
Und dann die Regel, die fast alles trägt: Jeder spricht mit der eigenen Familie. Wenn es um seine Mutter geht, spricht er. Wenn es um deine Eltern geht, sprichst du. Nicht weil der andere es nicht könnte, sondern weil es in der eigenen Familie gehört wird und in der angeheirateten als Angriff.
Wenn zwei Familienkulturen aufeinandertreffen
In vielen Familien, mit denen ich arbeite, kommt eine Ebene dazu, die selten benannt wird.
Auf der einen Seite steht eine Erwartung von Respekt. Dass man fragt, dass man einbezogen wird, dass die Älteren einen Platz haben und dass Nähe selbstverständlich ist. Nähe ist dort kein Übergriff, sondern ein Zeichen von Zugehörigkeit.
Auf der anderen Seite steht eine Haltung, die man mit “jedem das Seine” zusammenfassen könnte. Abstand ist dort kein Mangel an Liebe, sondern ein Zeichen von Achtung.
Beide Seiten halten ihre Haltung für die selbstverständliche und respektvolle. Deshalb wirkt das Verhalten der anderen Seite nicht nur fremd, sondern verletzend.
Das ist keine Frage von Herkunft allein, es gibt das auch zwischen zwei deutschen Familien. Nur ist es sichtbarer, wenn zwei verschiedene Familienkulturen in einer Ehe zusammenkommen.
Was hier hilft, ist kein Kompromiss in der Mitte. Was hilft, ist, das einmal auszusprechen: Für dich bedeutet unangekündigtes Kommen Nähe. Für mich bedeutet es, dass ich keine Kontrolle über meinen Tag habe. Beides stimmt.
Danach entscheidet ihr als Paar, wie es bei euch läuft. Nicht wer recht hat.
Was nicht hilft
Vergleiche zwischen den Familien. “Meine Mutter würde das nie machen.” Damit ist das Gespräch vorbei.
Über sie reden statt mit ihr. Wenn über Monate alles über ihn läuft, wird aus einer Situation eine Haltung.
Sofort alles klären. Nimm einen Punkt. Der unangekündigte Besuch ist meistens der beste Anfang, weil er konkret ist.
Ultimaten. Sie zwingen ihn in genau die Entscheidung, die er nicht treffen muss.
Wo es keine Grenzfrage mehr ist
Es gibt Fälle, in denen es nicht um Einmischung geht, sondern um etwas anderes.
Wenn du vor seiner Familie regelmäßig abgewertet oder lächerlich gemacht wirst und er dabei zusieht. Wenn kontrolliert wird, mit wem du Kontakt hast oder wohin du gehst. Wenn du von deinen eigenen Leuten ferngehalten wirst.
Das ist keine Frage von Familienkultur oder von Grenzen, die man aushandelt. Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ist rund um die Uhr, kostenfrei und anonym unter 116 016 erreichbar, auch wenn du nur sortieren willst, was bei euch los ist.
Was ich dir mitgeben möchte
Die Paare, bei denen sich an dieser Stelle etwas löst, haben fast nie die Schwiegermutter verändert.
Sie haben aufgehört, die Sache zwischen zwei Frauen zu verhandeln, und angefangen, sie als Paar zu entscheiden. Danach war die Mutter nicht mehr die Gegnerin, sondern ein Mensch, dem man etwas mitteilt.
Und noch etwas: Eine Grenze zu haben ist kein Mangel an Respekt. Ihr könnt beides. Ihr könnt sie lieben, ehren und einbeziehen, und gleichzeitig entscheiden, wie es in eurem Zuhause läuft.
Fang mit einer Situation an, nicht mit allen.
Häufige Fragen
Was tue ich, wenn sich meine Schwiegermutter einmischt?
Nicht als Streit zwischen zwei Frauen behandeln. Entscheidet als Paar, wie ihr etwas handhaben wollt, und formuliert es als gemeinsame Entscheidung mit dem Wort "wir".
Mein Mann steht zwischen mir und seiner Mutter. Was soll er tun?
Er muss sich nicht entscheiden. Zuerst soll er dich verstehen, denn die Verletzung sitzt meist in dem Gefühl, nicht respektiert zu werden. Erst danach wird gehandelt, und zwar von euch beiden gemeinsam.
Reicht es nicht, wenn er mir sagt, dass er mich versteht?
Nein. Verständnis ist die Voraussetzung, nicht die Lösung. Danach braucht es eine konkrete Vereinbarung.
Wer soll mit den Schwiegereltern sprechen?
Jeder mit der eigenen Familie. In der eigenen Familie wird es gehört, in der angeheirateten kommt es leichter als Angriff an.
Wie formuliere ich eine Grenze, ohne respektlos zu sein?
Als Entscheidung von euch beiden, nicht als Vorwurf. "Wir machen es bei uns so" trägt weiter als "das möchte ich nicht".
Was ist, wenn zwei verschiedene Familienkulturen aufeinandertreffen?
Dann halten beide Seiten ihre Haltung für die respektvolle. Sprecht einmal aus, was dasselbe Verhalten für jeden bedeutet.
Donnerstags schreibe ich einen Brief.
An Frauen, die gerade mittendrin sind.
Manchmal über Selbstwert, manchmal über Grenzen, manchmal über das, was eine Beziehung trägt.
Wenn in deiner Beziehung Gewalt, systematische Abwertung, Kontrolle oder Isolation vorkommen, ist das keine Frage von Kommunikation. Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ist rund um die Uhr, kostenfrei und anonym unter 116 016 erreichbar.