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Einmal pro Woche ein Brief von mir.Mein Wochenbrief
Meryem Erkan
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Wie sage ich Nein, ohne danach ein schlechtes Gewissen zu haben?

Von Meryem Erkan · Veröffentlicht am

Das schlechte Gewissen verschwindet nicht dadurch, dass du den richtigen Satz findest. Es verschwindet dadurch, dass du den Satz oft genug gesagt hast und jedes Mal gemerkt hast, dass nichts Schlimmes passiert. Die Formulierung macht das Neinsagen leichter. Das Gefühl danach erledigt die Wiederholung.

Warum es sich falsch anfühlt, obwohl es richtig ist

Wenn du bei einem Nein Schuld empfindest, ist das kein Hinweis darauf, dass du etwas falsch machst. Es ist der Beweis dafür, dass du etwas Neues tust.

Die meisten Frauen, die schwer Nein sagen können, haben früh gelernt, dass Verfügbarkeit Zugehörigkeit sichert. Wer pflegeleicht ist, bekommt weniger Ärger. Das war damals vermutlich klug.

Dein Gefühl folgt dieser alten Rechnung. Es meldet sich nicht, weil du egoistisch warst, sondern weil du von der Regel abgewichen bist, mit der du aufgewachsen bist.

Das ist eine gute Nachricht, denn Regeln kann man überschreiben. Nur nicht durch Nachdenken, sondern durch Erfahrung.

Die vier Sätze

Alle vier sind kurz. Das ist Absicht. Je länger ein Nein, desto verhandelbarer wirkt es.

Das einfache Nein

“Das geht bei mir nicht.”

Punkt. Keine Begründung. Beim ersten Mal fühlt sich das unhöflich an, ist es aber nicht. Begründungen laden zur Diskussion ein, weil jeder Grund entkräftet werden kann.

Das Nein mit Wärme

“Ich würde gern, aber ich schaffe es nicht.”

Für Menschen, die dir wichtig sind. Die Wärme kommt vor das Nein, nicht danach.

Das verschobene Nein

“Ich sage dir heute Abend Bescheid.”

Der nützlichste Satz von allen, wenn du dazu neigst, aus Reflex zuzusagen. Du kaufst dir Zeit, und du merkst in dieser Zeit meistens, was du eigentlich willst.

Das Nein mit Gegenangebot

“Samstag geht nicht. Nächste Woche gern.”

Nur benutzen, wenn du das Gegenangebot auch meinst. Sonst wird daraus ein Ja mit Verzögerung.

Was du weglassen solltest

Die ausführliche Begründung. Je mehr Gründe, desto mehr Angriffsfläche. Ein Grund reicht, keiner ist oft besser.

Das Sorry davor. “Sorry, aber ich kann nicht” macht aus einer Entscheidung eine Entschuldigung. Entschuldige dich für Fehler, nicht für deine Grenzen.

Das “eigentlich”. “Eigentlich wollte ich…” heißt für jedes Gegenüber: hier ist noch Spielraum.

Die Lüge. Erfundene Termine funktionieren einmal und machen dich beim nächsten Mal unsicher, weil du dir merken musst, was du gesagt hast.

Die Pause

Der wirksamste Eingriff überhaupt ist kein Satz, sondern eine Pause.

Wenn jemand dich um etwas bittet, warte einen Moment, bevor du antwortest.

In dieser Pause passiert etwas Erstaunliches: Du merkst, dass du gerade dabei warst, ja zu sagen, ohne nachzudenken. Der Reflex ist schneller als du. Die Pause ist das Einzige, was ihn unterbricht.

Wenn die Pause nicht reicht, nimm das verschobene Nein.

Was danach passiert

Darauf solltest du vorbereitet sein, sonst hältst du es nicht durch.

Du wirst dich schlecht fühlen. Zwanzig Minuten, manchmal einen Abend. Das ist normal und wird mit jedem Mal kürzer. Beim fünften Mal sind es noch fünf Minuten.

Manche Menschen werden irritiert reagieren. Vor allem die, denen dein Ja bisher genützt hat. Das ist unangenehm und sagt nichts darüber aus, ob dein Nein berechtigt war.

Die meisten reagieren gar nicht. Das ist der Teil, der die meisten Frauen überrascht. Man rechnet mit einer Szene und bekommt ein “okay, schade”.

Einige werden es nachfragen. Dann wiederhole denselben Satz, wörtlich. Nicht neu formulieren, nicht ausbauen. Wiederholung wirkt, Erklärung lädt zur Diskussion ein.

Üben, wo wenig auf dem Spiel steht

Fang nicht bei deiner Mutter an und nicht bei deinem Chef.

Fang dort an, wo ein Nein folgenlos ist. Eine Umfrage auf der Straße. Ein Anruf, den du nicht annimmst. Eine Einladung zu etwas, worauf du keine Lust hast.

Das klingt zu klein, um etwas zu bringen. Genau deshalb funktioniert es. Dein Nervensystem lernt an kleinen Dingen genauso wie an großen, nur ohne Panik.

Wo Üben nicht genügt

Wenn du nicht Nein sagst, weil du weißt, was sonst passiert, dann ist das keine Gewohnheit, sondern eine vernünftige Reaktion auf eine Lage, die nicht in Ordnung ist. Dafür ist dieser Text nicht gemacht.

Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ist rund um die Uhr, kostenfrei und anonym unter 116 016 erreichbar, auch wenn du nur sortieren willst, was bei euch eigentlich los ist.

Was ich dir mitgeben möchte

Die Frauen, bei denen sich daran etwas verändert hat, haben nicht gelernt, sich besser zu fühlen.

Sie haben gelernt, es trotz des Gefühls zu tun. Und irgendwann, meistens nach ein paar Monaten, war das Gefühl einfach leiser geworden.

Diese Woche reicht ein Nein. Eines, bei dem wenig auf dem Spiel steht.

Häufige Fragen

Wie sage ich Nein, ohne mich schuldig zu fühlen?

Das Schuldgefühl lässt sich nicht wegformulieren. Es wird durch Wiederholung leiser. Hilfreich sind kurze Sätze ohne Begründung und eine kurze Pause, bevor du antwortest.

Muss ich mein Nein begründen?

Nein. Jede Begründung lädt zur Diskussion ein, weil Gründe entkräftet werden können. Ein Satz reicht.

Warum fühle ich mich danach schlecht, obwohl es richtig war?

Weil du von einer alten Regel abgewichen bist, meistens der, dass Verfügbarkeit Zugehörigkeit sichert. Das Gefühl ist ein Zeichen von Veränderung, nicht von einem Fehler.

Was tue ich, wenn jemand nachhakt?

Denselben Satz wiederholen, wörtlich. Nicht neu formulieren und nicht erklären.

Wo fange ich an?

Dort, wo ein Nein folgenlos ist. Nicht bei den schwierigsten Menschen in deinem Leben.

Der Donnerstagsbrief

Jeden Donnerstag schreibe ich einen Brief.

Über das, was Frauen wirklich beschäftigt, und über das, was zwischen zwei Menschen passiert.

Wenn du ihn bekommen möchtest, trag dich hier ein.

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Wenn in deiner Beziehung Gewalt, systematische Abwertung, Kontrolle oder Isolation vorkommen, ist das keine Frage von Kommunikation. Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ist rund um die Uhr, kostenfrei und anonym unter 116 016 erreichbar.