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Meryem Erkan
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Was mache ich, wenn jemand meine Grenze einfach ignoriert?

Von Meryem Erkan · Veröffentlicht am

Nicht lauter werden und nicht neu erklären. Tun, was du angekündigt hast, wortlos und ohne Drama. Eine Grenze wirkt nicht durch den Satz, sondern durch das, was beim zweiten Mal passiert. Wer erklärt statt zu handeln, verhandelt seine Grenze gerade neu.

Warum Erklären nicht hilft

Der Reflex ist verständlich. Wenn jemand deine Grenze übergeht, denkst du, er hat sie nicht verstanden. Also sagst du es noch einmal, ausführlicher, mit mehr Begründung.

Für dein Gegenüber klingt das anders. Eine wiederholte Erklärung signalisiert: Hier ist noch Spielraum. Sonst würde sie ja nicht weiter darüber reden.

Deshalb gilt beim zweiten Mal: weniger Worte, nicht mehr.

Die drei Stufen

Stufe 1: Einmal sagen. Ruhig, in drei Teilen. Was passiert, was es mit dir macht, was du tun wirst.

Stufe 2: Wortlos tun. Beim nächsten Mal keine Ankündigung mehr, keine Erinnerung, keine Diskussion. Du stehst auf, du gehst, du legst auf, du antwortest nicht. Was auch immer du angekündigt hast.

Das ist der Moment, der entscheidet. Fast alle Grenzen scheitern genau hier, und zwar nicht am Gegenüber, sondern daran, dass es einem zu unbequem ist.

Stufe 3: Denselben Satz wiederholen, wörtlich. Wenn danach nachgefragt oder diskutiert wird, wiederholst du deinen ursprünglichen Satz. Wörtlich, nicht neu formuliert. Wiederholung wirkt, Varianten laden zur Diskussion ein.

“Ich habe gesagt, dass ich dann nicht weiterrede. Lass uns morgen noch mal.”

Was du dabei nicht tust

Keine Strafe daraus machen. Zwischen “ich gehe aus dem Raum und komme in einer halben Stunde wieder” und “ich rede drei Tage nicht mit dir” liegt der Unterschied zwischen Grenze und Bestrafung.

Nicht nachträglich verhandeln. “Okay, dieses eine Mal noch.” Jedes dieses-eine-Mal-noch setzt den Zähler zurück.

Nicht erklären, warum du im Recht bist. Eine Grenze braucht keine Rechtfertigung. Sobald du sie begründest, hast du sie zur Diskussion gestellt.

Nicht zum Gegenschlag ausholen. “Und du machst dauernd…” macht aus deiner Grenze einen Streit, in dem sie untergeht.

Wie oft du das machst

Realistisch: zwei bis drei Mal, bis es sitzt. Bei Menschen, die dich lange anders kennen, auch häufiger.

Das Testen ist dabei normal und selten böswillig. Menschen prüfen, ob etwas Neues wirklich gilt. Es hört auf, wenn du zweimal getan hast, was du gesagt hast.

Was nicht normal ist: wenn nach Monaten und vielen Wiederholungen nichts anders ist. Dann ist es keine Frage der Konsequenz mehr.

Ab wann es keine Grenzfrage mehr ist

Das ist der Teil, den ich dir nicht ersparen will.

Es gibt einen Unterschied zwischen jemandem, der sich schwer umgewöhnt, und jemandem, der deine Grenzen nicht anerkennt. Daran erkennst du es:

  • Deine Grenze wird nicht übersehen, sondern lächerlich gemacht.
  • Du wirst dafür bestraft, dass du sie eingehalten hast.
  • Du hörst, dass du übertreibst, dich falsch erinnerst oder zu empfindlich bist.
  • Du überlegst vorher, ob du es dir leisten kannst, konsequent zu sein.

Wenn du dich hier wiederfindest, dann liegt es nicht an deiner Formulierung und nicht an deiner Beharrlichkeit. Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ist rund um die Uhr, kostenfrei und anonym unter 116 016 erreichbar, auch wenn du nur sortieren willst, was bei euch los ist.

Wenn es deine Familie ist

Bei Eltern und Schwiegereltern ist das schwerer, weil es dort nicht nur um die Sache geht, sondern auch um Loyalität und um das, was sich gehört.

Zwei Dinge helfen.

Jeder spricht mit der eigenen Familie. Das ist die wirksamste Regel überhaupt. Wenn es um seine Eltern geht, redet er. Wenn es um deine geht, redest du. Sehr viele Konflikte entstehen daraus, dass jemand etwas klärt, das nicht seine Aufgabe war.

Die Grenze gehört dem Paar, nicht einer Person. “Wir machen das so” trägt sehr viel weiter als “ich will das so”, und es nimmt dich aus der Rolle derjenigen, die angeblich etwas gegen die Familie hat.

Was ich dir mitgeben möchte

Eine Grenze wird nicht geglaubt, weil du sie gut formuliert hast. Sie wird geglaubt, weil du beim zweiten Mal aufgestanden bist.

Das ist unbequem, und es dauert zwei oder drei Runden. Danach musst du sie meistens nicht mehr erklären.

Häufige Fragen

Was tue ich, wenn meine Grenze ignoriert wird?

Tun, was du angekündigt hast, ohne neue Erklärung. Eine Grenze wirkt durch das, was beim zweiten Mal passiert, nicht durch den Satz.

Warum hilft es nicht, es noch einmal zu erklären?

Weil eine wiederholte Erklärung signalisiert, dass es noch Spielraum gibt. Beim zweiten Mal braucht es weniger Worte, nicht mehr.

Wie oft muss ich das wiederholen?

Meist zwei bis drei Mal. Bei Menschen, die dich lange anders kennen, auch öfter. Testen ist normal und endet, wenn du zweimal konsequent warst.

Wie setze ich Grenzen gegenüber der Familie?

Jeder spricht mit der eigenen Familie, und die Grenze wird als Entscheidung des Paares formuliert, nicht als Wunsch einer Person.

Wann ist es keine Grenzfrage mehr?

Wenn deine Grenze lächerlich gemacht wird, du dafür bestraft wirst oder du vorher überlegst, ob du dir Konsequenz leisten kannst.

Der Donnerstagsbrief

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Ich schreibe jeden Donnerstag einen Brief an Frauen, die an sich und an ihrer Beziehung arbeiten.

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