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Mein Mann redet nicht über Gefühle. Woran das wirklich liegt

Von Meryem Erkan · Veröffentlicht am

Männer, die nicht über Gefühle reden, haben in meiner Erfahrung selten weniger Gefühle. Sie haben nie einen Raum dafür gehabt, in dem es sicher war. Und sie haben irgendwann gelernt, dass es billiger ist, als einer zu gelten, der eben nicht redet, als sich zu zeigen und dafür Vorwürfe zu hören.

Das ist keine Entschuldigung für Schweigen. Es ist der Grund, warum die üblichen Versuche, ihn zum Reden zu bringen, fast immer das Gegenteil bewirken.

Was ich in Sitzungen sehe

Wenn ein Mann zum ersten Mal bei mir sitzt, sagt er oft wenig. Manchmal gar nichts. Seine Frau erzählt, er bestätigt oder widerspricht in kurzen Sätzen.

Dann passiert in den meisten Sitzungen etwas, das die Frauen überrascht. Irgendwann fängt er an. Und was dann kommt, ist nicht wenig. Es ist oft sehr viel, und es ist seit Jahren da.

Mein Eindruck nach neun Jahren: Diese Männer sind nicht emotional unbeteiligt. Viele von ihnen tragen deutlich mehr mit sich herum, als man ihnen ansieht. Es gab nur nie einen Ort, an dem es rausdurfte.

Die drei Gründe, warum er dicht ist

Erstens: Er muss der Starke sein.

Das ist in vielen Familien keine Regel, über die geredet wird. Es ist eine Selbstverständlichkeit. Ein Mann hält, trägt und löst. Er klagt nicht.

Bei türkischen und südländischen Männern begegnet mir das besonders oft, und zwar nicht als Problem, sondern als Haltung. Es gilt als Anstand, nicht als Mangel. Wer so aufgewachsen ist, erlebt das Reden über eigene Not nicht als Entlastung, sondern als Verlust von Würde.

Das heißt nicht, dass es unveränderlich ist. Es heißt, dass die Aufforderung “red doch mal” bei ihm etwas anderes auslöst als bei dir. Für dich ist es ein Angebot. Für ihn klingt es wie die Aufforderung, etwas abzulegen, das ihn zusammenhält.

Zweitens: Reden hat ihn schon mal was gekostet.

Das ist der Punkt, der mir am häufigsten begegnet, und er ist unangenehm.

Viele Männer haben es versucht. Sie haben irgendwann einmal gesagt, wie es ihnen geht. Und dann kam ein Vorwurf. Oder eine Erklärung, warum sie das falsch sehen. Oder es wurde drei Wochen später in einem Streit gegen sie verwendet.

Danach machen sie es nicht wieder. Nicht aus Trotz, sondern weil sie gelernt haben, was es kostet.

Ich sage das ohne Vorwurf an die Frauen. Fast immer war das kein böser Vorsatz, sondern eine verletzte Frau, die in dem Moment selbst nicht konnte. Aber die Rechnung bleibt beim Mann, und sie wirkt jahrelang.

Drittens: Er hat keine Worte.

Das wird am meisten unterschätzt. Manche Männer können nicht sagen, wie es ihnen geht, weil es dafür kein Vokabular gibt. Nicht weil sie dumm wären, sondern weil es nie geübt wurde.

Auf die Frage “wie geht es dir damit” bekommst du dann “normal” oder “keine Ahnung”. Und das ist oft die Wahrheit.

Was nicht funktioniert

Das große Gespräch. “Wir müssen reden.” Damit fängt kein Mann an zu reden, damit fängt er an, sich vorzubereiten.

Nachfragen, während er schweigt. Jede weitere Frage erhöht den Druck, und Druck macht noch stiller.

Ihn mit anderen vergleichen. “Die Männer von anderen reden doch auch.”

Es als Beweis lesen. Dass er nicht redet, heißt nicht, dass er dich nicht liebt. Es heißt meistens, dass er nicht weiß, wie.

Was funktioniert

Nebenbei statt gegenüber.

Im Auto. Beim Spazieren. Beim Abtrocknen. Ohne Augenkontakt, ohne die Haltung eines Gesprächs. Sehr viele Männer reden deutlich leichter, wenn sie nicht angesehen werden und nebenbei etwas tun.

Kleine Fragen statt großer.

Nicht “wie geht es dir mit uns”. Sondern:

“Was war diese Woche das Nervigste?”

“Gab es diese Woche irgendwas, das dir gutgetan hat?”

Das klingt banal und ist der Einstieg. Große Fragen beantwortet er nicht, kleine schon. Und aus kleinen wird mit der Zeit mehr.

Die eine Minute aushalten.

Wenn du eine Frage gestellt hast, warte. Auch wenn es unangenehm lang wird. Viele Männer brauchen deutlich länger, um einen Satz über sich zu formulieren, und die meisten Frauen füllen die Pause, bevor sie zu Ende ist.

Nichts mit dem machen, was er sagt.

Das ist die wichtigste Regel von allen. Wenn er etwas erzählt, dann keine Analyse, keine Lösung, kein Vorwurf. Und vor allem: nicht in drei Wochen im Streit wieder hervorholen.

Ein einziges Mal reicht, um die Tür für Jahre zu schließen.

Deine Fragen stellen, nicht seine Antworten vorwegnehmen.

“Dich hat das doch auch gestört, oder?” ist keine Frage. Das ist eine Behauptung mit einem Fragezeichen.

Was dir hilft, wenn es dauert

Es dauert. Oft Monate. Und in dieser Zeit wirst du mehr geben als bekommen, und das ist anstrengend.

Zwei Dinge sind dabei realistisch wichtig.

Erstens: Du bist nicht seine Therapeutin. Du kannst einen Raum anbieten. Du kannst nicht die Arbeit machen, die er machen muss.

Zweitens: Wenn du über Monate die Einzige bist, die sich bewegt, dann ist das kein Kommunikationsthema mehr, sondern eine Schieflage. Und die gehört besprochen.

Wo das nicht gilt

Es gibt Schweigen, das kein Schutz ist, sondern Mittel.

Wenn er tagelang nicht spricht, damit du nachgibst. Wenn du jedes Mal diejenige bist, die den Kontakt wiederherstellt. Wenn Schweigen als Strafe eingesetzt wird.

Das ist etwas anderes als Sprachlosigkeit, und es gehört besprochen. Wenn dazu Abwertung oder Kontrolle kommt, ist das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen rund um die Uhr, kostenfrei und anonym unter 116 016 erreichbar.

Was ich dir mitgeben möchte

Der häufigste Satz von Frauen in dieser Lage lautet: “Mein Mann versteht mich nicht.” Und der häufigste Satz der Männer darauf: “Ich rede nun mal nicht so viel.”

Oft stimmt das nicht ganz. Er weiß nicht, wie die Tür aufgeht, und er hat Angst vor dem, was passiert, wenn sie offen ist.

Was ihm hilft, ist kein größeres Gespräch. Es ist ein kleineres, das nichts kostet.

Häufige Fragen

Warum redet mein Mann nicht über Gefühle?

Meist aus drei Gründen: weil er gelernt hat, der Starke sein zu müssen, weil Reden ihn früher schon einen Vorwurf gekostet hat, oder weil ihm die Worte dafür fehlen.

Heißt das, er fühlt weniger?

Nein. In Sitzungen zeigt sich regelmäßig das Gegenteil. Viele Männer tragen sehr viel mit sich und hatten nie einen Ort dafür.

Was ist bei türkischen und südländischen Männern anders?

Dort gilt Zurückhaltung bei Gefühlen häufiger als Haltung und nicht als Mangel. Die Aufforderung zu reden klingt dann wie die Aufforderung, etwas abzulegen, das Würde gibt.

Wie fange ich ein Gespräch an?

Nebenbei statt gegenüber, also im Auto oder beim Spazieren, und mit kleinen Fragen statt großen.

Was darf ich auf keinen Fall tun?

Etwas, das er erzählt hat, später in einem Streit gegen ihn verwenden. Ein einziges Mal reicht, um die Tür für Jahre zu schließen.

Wie lange dauert es?

Oft Monate. Wenn du über viele Monate die Einzige bleibst, die sich bewegt, ist das ein eigenes Thema.

Donnerstagsbrief

Jeden Donnerstag schreibe ich einen Brief.

Über das, was Frauen wirklich beschäftigt, und über das, was zwischen zwei Menschen passiert.

Wenn du ihn bekommen möchtest, trag dich hier ein.

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Mehr dazu in der Podcast-FolgeSo verbesserst du sofort die Kommunikation mit deinem Partner

Wenn in deiner Beziehung Gewalt, systematische Abwertung, Kontrolle oder Isolation vorkommen, ist das keine Frage von Kommunikation. Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ist rund um die Uhr, kostenfrei und anonym unter 116 016 erreichbar.