Warum manche Frauen gehen, kurz bevor es besser wird
Von Meryem Erkan · Veröffentlicht am
Es gibt in jeder Veränderung eine Phase, in der alles schlechter aussieht als vorher, obwohl es sich bewegt. Man sieht das Muster inzwischen, läuft aber trotzdem noch hinein. Das fühlt sich an wie Scheitern, und genau an dieser Stelle geben viele auf.
Ich schreibe das nicht, um irgendjemanden zum Bleiben zu bewegen. Ich schreibe es, weil die Phase existiert und weil kaum jemand davor gewarnt wird.
Was in dieser Phase passiert
Veränderung in einer Beziehung läuft in vier Schritten ab, und nur der erste fühlt sich gut an.
Erst merkt ihr es hinterher. Zwei Tage nach dem Streit sagt jemand: “Das war wieder genau das Gleiche.” Dieser Moment ist meistens erleichternd. Zum ersten Mal hat das Ding einen Namen.
Dann merkt ihr es währenddessen. Mitten im Streit seht ihr, was gerade läuft, und könnt trotzdem nicht aussteigen. Das ist die Phase, von der ich spreche. Sie ist unangenehmer als der Zustand davor, denn vorher warst du im Streit. Jetzt bist du im Streit und schaust dir dabei zu.
Dann merkt ihr es vorher. Ihr spürt den Anlauf, bevor es losgeht. Ab hier wird es deutlich leichter.
Irgendwann läuft es anders, ohne dass ihr daran denkt.
Zwischen Schritt zwei und drei liegt der Punkt, an dem die meisten aufgeben. Nicht weil nichts passiert, sondern weil es sich anfühlt, als passiere nichts.
Warum es sich genau dann am schlimmsten anfühlt
Drei Gründe.
Du hast mehr erwartet. Du hast dir Mühe gegeben, vielleicht Geld ausgegeben, vielleicht Dinge gesagt, die dich Überwindung gekostet haben. Und der Streit kam trotzdem. Die Enttäuschung danach ist größer als die Enttäuschung vor allen Bemühungen.
Du siehst jetzt alles. Vorher war vieles verschwommen. Jetzt siehst du eure Dynamik in Zeitlupe, und was du siehst, gefällt dir nicht. Mehr Klarheit fühlt sich kurzfristig schlechter an als weniger.
Hoffnung macht verletzlich. Solange du nichts erwartest, kann wenig dich treffen. Sobald du anfängst zu hoffen, hat jeder Rückfall Gewicht.
Woran du erkennst, wo ihr steht
Nicht daran, ob ihr noch streitet. Daran:
- Wie lange dauert es, bis ihr wieder miteinander redet? Drei Tage oder drei Stunden?
- Gibt es einen Satz, mit dem einer von euch den Streit anhalten kann, und benutzt ihn manchmal jemand?
- Könnt ihr hinterher darüber sprechen, ohne dass es sofort wieder losgeht?
- Nennt ihr euer Muster beim Namen, statt euch gegenseitig beim Namen zu nennen?
Wenn eines davon besser geworden ist, bewegt es sich. Auch wenn der letzte Streit genauso laut war wie der vorletzte.
Was ich damit nicht sage
Ich sage nicht, dass du bleiben sollst.
Es gibt Frauen, die genau zu diesem Zeitpunkt gehen und damit völlig richtig liegen. Manchmal ist die Klarheit, die in dieser Phase entsteht, die eigentliche Erkenntnis: dass man jetzt zum ersten Mal deutlich sieht, woran man ist, und dass es nicht reicht.
Der Unterschied ist, woran du es festmachst.
Gehen, weil du siehst, dass dein Gegenüber nichts verändern will, ist eine Entscheidung mit Grundlage. Gehen, weil es sich nach drei Wochen noch nicht besser anfühlt, ist eine Entscheidung aus Erschöpfung.
Beide Wege sind erlaubt. Nur solltest du wissen, welchen du gerade gehst.
Eine Frage, die hilft
Wenn du an diesem Punkt stehst, stell dir diese eine Frage:
Hat sich etwas an dem verändert, was ihr tut, oder nur an dem, was ihr darüber wisst?
Wenn ihr beide das Muster nur kennt, aber niemand etwas anders macht, dann ist nichts in Bewegung, und dein Gefühl hat recht.
Wenn aber einer von euch in den letzten Wochen tatsächlich einmal anders reagiert hat, auch nur einmal, dann seid ihr in der Phase, über die dieser Text handelt. Dann würde ich dir raten, noch einen Zeitraum zu setzen, bevor du entscheidest.
Wo das nicht gilt
Alles hier Beschriebene gilt für Beziehungen, in denen beide grundsätzlich gutwillig sind.
Bei Gewalt, systematischer Abwertung, Kontrolle oder Isolation gibt es keine Phase, die man durchhalten müsste. Dort ist Gehen kein verfrühtes Aufgeben, sondern Schutz, und je früher, desto besser. Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ist rund um die Uhr und kostenfrei unter 116 016 erreichbar.
Was ich dir mitgeben möchte
Der Satz, den ich in dieser Phase am häufigsten höre, lautet: “Es hat sich nichts geändert.”
Fast immer stimmt er nicht ganz. Was sich geändert hat, ist die Sicht, und die Sicht fühlt sich schlechter an als die Blindheit davor.
Das ist kein Grund zu bleiben. Es ist nur ein Grund, die Entscheidung nicht an einem Gefühl festzumachen, das genau in dieser Phase immer dasselbe sagt.
Häufige Fragen
Warum fühlt es sich schlechter an, obwohl wir an unserer Beziehung arbeiten?
Weil es eine Phase gibt, in der ihr euer Muster schon seht, aber noch hineinlauft. Mehr Klarheit fühlt sich kurzfristig schlechter an als weniger, und Hoffnung macht Rückfälle schwerer erträglich.
Woran erkenne ich, ob sich etwas bewegt?
Nicht daran, ob ihr noch streitet, sondern daran, wie schnell ihr wieder miteinander redet, ob es einen Satz gibt, der den Streit anhält, und ob ihr hinterher darüber sprechen könnt.
Soll ich durchhalten?
Das kann dir niemand von außen sagen. Entscheidend ist, woran du es festmachst: ob dein Gegenüber nichts verändern will, oder ob es sich nach drei Wochen nur noch nicht besser anfühlt.
Wie lange sollte ich einer Veränderung Zeit geben?
Setz dir einen Zeitraum statt einer Frist, zum Beispiel drei Monate, und entscheide am Ende. Die Dauerentscheidung ist anstrengender als jede Entscheidung.
Wann sollte ich nicht warten?
Bei Gewalt, Abwertung, Kontrolle oder Isolation. Dort gibt es keine Phase, die man durchstehen muss.
Jeden Donnerstag schreibe ich einen Brief.
Über das, was Frauen wirklich beschäftigt, und über das, was zwischen zwei Menschen passiert.
Wenn du ihn bekommen möchtest, trag dich hier ein.
Wenn in deiner Beziehung Gewalt, systematische Abwertung, Kontrolle oder Isolation vorkommen, ist das keine Frage von Kommunikation. Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ist rund um die Uhr, kostenfrei und anonym unter 116 016 erreichbar.