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Meryem Erkan
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Woran merke ich, dass eine Beziehung keine Chance mehr hat?

Von Meryem Erkan · Veröffentlicht am

Nicht daran, dass ihr viel streitet, und auch nicht daran, dass die Verliebtheit weg ist. Beides sagt wenig aus. Die verlässlicheren Zeichen sind leiser: wenn keiner von beiden mehr etwas versucht, wenn Verachtung in den Ton kommt, und wenn ihr euch gegenseitig nicht mehr zutraut, euch zu verändern.

Ich schreibe diesen Text ausdrücklich nicht, um dir eine Entscheidung abzunehmen. Ich schreibe ihn, damit du sie an den richtigen Dingen festmachst.

Die Zeichen, die nichts bedeuten

Fangen wir damit an, was ständig als Beweis genommen wird und keiner ist.

Dass ihr viel streitet. Streit ist oft ein Zeichen dafür, dass beide noch etwas wollen. Paare, bei denen es aus ist, streiten in der Regel weniger, nicht mehr.

Dass du nicht mehr verliebt bist. Verliebtheit ist ein Zustand der ersten Jahre, und sie geht bei fast allen zurück. Was danach kommt, ist etwas anderes, ruhiger und haltbarer. Ihr Fehlen ist kein Urteil.

Dass du an jemand anderen denkst. Das kommt häufiger vor, als es öffentlich zugegeben wird, und sagt für sich genommen wenig über eure Beziehung aus.

Dass es sich gerade schwer anfühlt. In fast jeder langen Beziehung gibt es Phasen von ein bis zwei Jahren, die kaum auszuhalten sind. Umzug, Kinder, Krankheit, Arbeitsplatzverlust. Wer in solchen Phasen Bilanz zieht, zieht eine verfälschte.

Die vier Zeichen, auf die es ankommt

1. Keiner versucht mehr etwas.

Das ist das deutlichste Zeichen überhaupt. Nicht Wut, sondern das Ende der Versuche. Wenn niemand mehr ein Gespräch anfängt, wenn beide die Erwartung aufgegeben haben, dass sich etwas ändert, dann ist aus einem Konflikt ein Zustand geworden.

Man erkennt es an einer Kleinigkeit: Früher hat es dich verletzt, wenn er nicht zugehört hat. Heute fällt es dir nicht mehr auf.

2. Verachtung ist im Ton.

Es gibt einen Unterschied zwischen Wut und Verachtung. Wut sagt: Du hast mich verletzt. Verachtung sagt: Du bist weniger wert als ich.

Verachtung zeigt sich in Augenrollen, in Spott, in dem Ton, in dem man von jemandem spricht, den man eigentlich nicht mehr achtet. Von allen Zeichen ist das das ernsteste, weil Verachtung die Beziehung nicht belastet, sondern auflöst.

3. Ihr traut euch gegenseitig keine Veränderung mehr zu.

Der Satz dazu lautet meistens: “Er wird sich nie ändern.” Oder: “Ich kann nicht mehr anders.”

Das ist nicht in jedem Fall das Ende. Aber solange beide davon überzeugt sind, hat Veränderung keinen Platz, und dann ist die Überzeugung ihre eigene Bestätigung.

4. Ihr habt kein gemeinsames Bild von morgen.

Nicht im großen Sinne. Es reicht, wenn ihr euch in einem Jahr noch nebeneinander vorstellen könnt und euch darauf freut. Wenn einer von euch jede Zukunftsfrage ausweicht, ist das eine Antwort.

Die drei Fragen vor jeder Entscheidung

Wenn du gerade vor dieser Entscheidung stehst, geh diese drei durch, bevor du irgendetwas tust.

1. Habe ich jemals wirklich gesagt, was ich brauche?

Sehr viele Frauen trennen sich von einer Beziehung, in der sie den entscheidenden Satz nie ausgesprochen haben. Nicht angedeutet. Nicht in einem Streit herausgeschleudert. Ruhig und deutlich gesagt.

Wenn du diese Frage mit Nein beantwortest, ist die Trennungsfrage noch zu früh.

2. Was genau müsste sich ändern, damit ich bleiben könnte?

Schreib es auf. Nicht “er müsste sich ändern”, sondern drei konkrete Dinge.

Wenn dir dazu nichts einfällt, sagt das etwas. Wenn dir etwas einfällt, hast du damit zugleich den Gesprächsinhalt für die nächsten Wochen.

3. Entscheide ich gerade aus einer Phase heraus?

Wie lange geht das schon so? Wochen, Monate, Jahre? Ist gerade etwas los, das jeden Menschen an den Rand bringen würde?

Das ist keine Aufforderung, alles zu entschuldigen. Es ist der Unterschied zwischen einer Beziehung, die am Ende ist, und einer, die gerade sehr erschöpft ist.

Was keine Abwägung braucht

Es gibt Dinge, bei denen keine der obigen Fragen gestellt werden muss.

Gewalt, körperlich oder in Worten. Systematische Abwertung. Kontrolle darüber, mit wem du sprichst, wohin du gehst, worüber du verfügst. Wenn du von deinen Menschen ferngehalten wirst.

Das ist keine schwierige Beziehung, in der zwei an etwas arbeiten können. Dort gibt es eine, die handelt, und eine, die aushält. Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ist rund um die Uhr und kostenfrei unter 116 016 erreichbar, auch wenn du nur reden möchtest und noch gar nichts entscheiden.

Was zwischen bleiben und gehen liegt

Die öffentliche Erzählung kennt zwei Möglichkeiten. Bleiben oder gehen.

In der Praxis gibt es eine dritte, über die kaum gesprochen wird: bleiben und etwas verändern. Sie kommt in keinem Reel vor, weil sie keinen klaren Moment hat, keine Ansage, kein Kapitelende. Es gibt nur Wochen, in denen ihr dieselbe Szene anders spielt als vorher.

Viele Frauen entscheiden zwischen zwei Optionen, obwohl es drei gibt.

Was ich dir mitgeben möchte

Diese Entscheidung gehört dir allein. Nicht mir, nicht deiner Freundin, nicht deiner Familie, nicht dem Internet.

Was ich dir wünsche, ist nur, dass sie nicht aus Erschöpfung fällt und nicht nachts um zwei. Nimm dir die Zeit, die es braucht, auch wenn dein Umfeld ungeduldig ist. Eine Entscheidung, die du in einem Jahr noch tragen kannst, ist mehr wert als eine, die diese Woche Ruhe schafft.

Häufige Fragen

Woran erkenne ich, dass eine Beziehung keine Chance mehr hat?

An vier Dingen: Keiner versucht mehr etwas, Verachtung ist im Ton, ihr traut euch gegenseitig keine Veränderung mehr zu, und es gibt kein gemeinsames Bild von morgen.

Ist viel Streit ein schlechtes Zeichen?

Nicht unbedingt. Streit zeigt oft, dass beide noch etwas wollen. Paare am Ende streiten meist weniger, nicht mehr.

Ist es vorbei, wenn ich nicht mehr verliebt bin?

Nein. Verliebtheit geht bei fast allen Paaren zurück. Was danach kommt, ist ruhiger und haltbarer, und ihr Fehlen ist kein Urteil.

Was soll ich tun, bevor ich mich trenne?

Drei Fragen beantworten: Habe ich wirklich gesagt, was ich brauche? Was genau müsste sich ändern, damit ich bleiben könnte? Entscheide ich gerade aus einer besonders schweren Phase heraus?

Wann braucht es keine Abwägung?

Bei Gewalt, systematischer Abwertung, Kontrolle oder Isolation. Dort geht es um Schutz, nicht um eine Beziehungsfrage.

Der Donnerstagsbrief

Donnerstags schreibe ich einen Brief.

An Frauen, die gerade mittendrin sind.

Manchmal über Selbstwert, manchmal über Grenzen, manchmal über das, was eine Beziehung trägt.

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Wenn in deiner Beziehung Gewalt, systematische Abwertung, Kontrolle oder Isolation vorkommen, ist das keine Frage von Kommunikation. Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ist rund um die Uhr, kostenfrei und anonym unter 116 016 erreichbar.