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Was ist ein Beziehungsmuster und wie erkennt ihr eures?

Von Meryem Erkan · Veröffentlicht am

Ein Beziehungsmuster ist die immer gleiche Abfolge von Reaktionen zwischen zwei Menschen, die unabhängig vom Anlass abläuft. Das Thema wechselt, die Bewegung bleibt. Deshalb fühlen sich Streits in festgefahrenen Beziehungen so vertraut an, obwohl es jedes Mal angeblich um etwas anderes geht.

Diese Seite ist der Ausgangspunkt für alles, was ich zu dem Thema geschrieben habe. Wenn du nur einen Text von mir liest, dann diesen.

Die kurze Definition

Ein Beziehungsmuster besteht aus vier Teilen:

  1. Ein Auslöser. Meistens klein. Ein Tonfall, ein Blick aufs Handy, ein Satz, der zehn Jahre alt klingt.
  2. Deine Reaktion. Sie fühlt sich für dich notwendig an, nicht gewählt.
  3. Seine Reaktion auf deine Reaktion. Fühlt sich für ihn genauso notwendig an.
  4. Das Ergebnis, das keiner von euch wollte, und das beim nächsten Mal den Auslöser liefert.

Der entscheidende Satz dazu: Beide tun in diesem Ablauf genau das, was aus ihrer Sicht die Lage retten soll. Und genau dieses Verhalten löst beim anderen das aus, was sie eigentlich verhindern wollten.

Deshalb hilft es nicht, sich mehr anzustrengen. Mehr Anstrengung heißt in der Regel: mehr vom Gleichen.

Woran du erkennst, dass es ein Muster ist und kein Problem

Es gibt drei ziemlich eindeutige Zeichen.

Ihr könnt den Streit vorhersagen. Nicht das Thema, aber den Verlauf. Du weißt, an welcher Stelle er sich abwendet. Du weißt, welchen Satz du gleich sagen wirst, und du sagst ihn trotzdem.

Das Thema ist austauschbar. Diese Woche die Schwiegermutter, nächste Woche der Urlaub, übernächste der Haushalt. Wenn ihr jedes Thema lösen könntet und trotzdem am selben Punkt landet, dann war das Thema nie das Thema.

Es endet immer gleich. Einer geht aus dem Raum. Oder es gibt eine Versöhnung, die sich zu schnell anfühlt. Oder beide schweigen, bis es verblasst. Dasselbe Ende, seit Jahren.

Zum Vergleich: Ein echtes Sachproblem erkennt man daran, dass es nach einer Lösung weg ist. Ihr entscheidet, wer das Auto nimmt, und danach ist es erledigt. Wenn es nach der Lösung weitergeht, war es nie das Auto.

Die häufigsten Muster, die mir begegnen

Es gibt keine abschließende Liste, aber vier Abläufe sehe ich immer wieder.

Eine kommt näher, einer geht zurück. Das häufigste Muster überhaupt. Sie spricht etwas an, weil sie Verbindung will. Er spürt Kritik und wird still. Seine Stille fühlt sich wie Gleichgültigkeit an, also wird sie deutlicher. Je deutlicher sie wird, desto weiter zieht er sich zurück.

Beide gehen zurück. Die stille Variante. Keiner spricht etwas an, weil beide wissen, wie es ausgeht. Von außen sieht das friedlich aus. Innen ist es das Gegenteil.

Beide drücken. Zwei Menschen, die laut werden, und bei denen jedes Gespräch zum Wettbewerb darüber wird, wer mehr gelitten hat.

Eine trägt, einer funktioniert. Eine organisiert, denkt mit, hält zusammen. Der andere erledigt, was gesagt wird. Daraus entsteht kein lauter Streit, sondern Erschöpfung und ein stiller Groll, der irgendwann sehr laut wird.

Eine Frau hat mir ihre Ehe einmal in einem Satz beschrieben, den ich nicht vergessen habe: “Die Ehe läuft einseitig, der eine liebt, der andere funktioniert.”

Warum ihr euer Muster nicht seht

Weil ihr darin steht.

Jeder von euch sieht nur seine Hälfte, und zwar immer als Reaktion. Du siehst: Ich frage nach, weil er nicht antwortet. Er sieht: Ich sage nichts, weil sie mich sonst zerlegt. Beide haben recht, und beide beschreiben einen Kreis von der falschen Seite.

Es kommt noch etwas dazu, das selten erwähnt wird. Ab einem bestimmten Erregungsniveau schaltet der Körper um. Der Puls steigt, und der Teil von dir, der zuhören und abwägen kann, ist nicht mehr erreichbar. Du bist dann nicht stur, du bist körperlich nicht mehr gesprächsfähig.

Genau in diesem Zustand versuchen die meisten Paare, ihr Muster zu besprechen. Das kann nicht klappen.

Woher Muster kommen

Nicht von euch beiden. Das ist für viele die größte Entlastung.

Jeder bringt aus seiner Herkunftsfamilie eine Grundannahme darüber mit, was passiert, wenn man etwas braucht. In manchen Familien wird daraufhin reagiert. In anderen wird es übergangen. In wieder anderen führt es zu Streit, der tagelang dauert.

Diese Annahmen laufen im Hintergrund weiter, auch dreißig Jahre später, auch bei Menschen, die darüber lachen können. Das Muster zwischen euch ist oft die Kollision von zwei solchen Annahmen.

Das heißt nicht, dass eure Eltern an eurer Ehe schuld sind. Es heißt nur: Was ihr tut, ist nicht Charakter. Es ist Gewohnheit, und Gewohnheiten kann man ändern.

In Familien mit Einwanderungsgeschichte kommt oft noch eine Ebene dazu. Was in der einen Familie als Respekt gilt, gilt in der anderen als Distanz. Was in der einen Familie Nähe ist, ist in der anderen Übergriff. Ich bringe das in meiner Arbeit selbstverständlich mit ein, weil es für sehr viele Paare die halbe Erklärung ist.

Euer Muster in vier Schritten finden

Dafür braucht ihr etwa zwanzig Minuten und einen Abend, an dem gerade nichts eskaliert ist.

Schritt 1: Nehmt die letzten drei Streits. Schreibt die Themen auf. Streicht sie dann durch. Sie spielen keine Rolle.

Schritt 2: Beschreibt, was jeder tut. Nur Verhalten, keine Deutung. “Ich frage nach” statt “ich versuche, zu ihm durchzudringen”. “Er geht in die Küche” statt “er ist ihm egal”.

Schritt 3: Baut den Kreis. Was tust du, wenn er das tut? Was tut er, wenn du das tust? Ihr werdet merken, dass ihr nach zwei Runden wieder am Anfang seid. Das ist euer Muster.

Schritt 4: Gebt ihm einen Namen. Das klingt albern und ist das Wirksamste an der ganzen Übung. Paare, die ihrem Muster einen Namen geben, können es mitten im Streit benennen. “Wir sind wieder drin.” Dieser eine Satz unterbricht mehr als jede Technik.

Was sich ändern lässt und was nicht

Ihr werdet euer Muster nicht löschen. Es wird euch wahrscheinlich ein Leben lang begleiten, weil es aus zwei Lebensgeschichten besteht.

Was sich verändert, ist die Geschwindigkeit. Am Anfang merkt ihr es hinterher, oft Tage später. Dann merkt ihr es währenddessen. Irgendwann merkt ihr es, bevor es losgeht.

Das ist das realistische Ziel. Nicht ein Paar werden, das nicht streitet, sondern ein Paar, das schneller wieder herausfindet.

Wo das nicht gilt

Alles hier beschriebene setzt voraus, dass beide grundsätzlich gutwillig sind.

Es gilt nicht bei Gewalt, körperlich oder in Worten. Es gilt nicht, wenn du systematisch kleingemacht, kontrolliert oder von deinen Leuten ferngehalten wirst. Dort gibt es keinen Kreis, an dem zwei beteiligt sind. Dort gibt es eine, die handelt, und eine, die aushält.

Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen erreichst du rund um die Uhr und kostenfrei unter 116 016.

Was ich dir mitgeben möchte

Als ich angefangen habe, mit Paaren zu arbeiten, habe ich nach dem Problem gesucht. Heute suche ich nach der Bewegung.

Der Unterschied ist groß. Ein Problem hat einen Schuldigen. Eine Bewegung hat zwei Beteiligte und keinen Täter.

Und das ist, ehrlich gesagt, die beste Nachricht, die ich Paaren überbringen kann.

Häufige Fragen

Was ist ein Beziehungsmuster?

Die immer gleiche Abfolge von Reaktionen zwischen zwei Menschen, die unabhängig vom Streitthema abläuft. Auslöser, deine Reaktion, seine Reaktion, ein Ergebnis, das keiner wollte.

Woran erkenne ich, ob wir in einem Muster feststecken?

Wenn ihr den Verlauf eures Streits vorhersagen könnt, wenn das Thema austauschbar ist und wenn es immer gleich endet.

Woher kommen Beziehungsmuster?

Aus zwei Lebensgeschichten, die aufeinandertreffen. Jeder bringt eine Grundannahme darüber mit, was passiert, wenn man etwas braucht. Das Muster entsteht aus der Kollision dieser Annahmen.

Kann man ein Beziehungsmuster allein verändern?

Die Dynamik ja. Eine Bewegung braucht zwei, also kann der alte Ablauf nicht gleich weiterlaufen, wenn einer aussteigt. Dauerhaft allein tragen sollte die Beziehung trotzdem niemand.

Verschwindet ein Muster irgendwann ganz?

In der Regel nicht. Was sich verändert, ist die Geschwindigkeit, mit der ihr es bemerkt und wieder herausfindet.

Was ist der Unterschied zwischen einem Muster und einem normalen Konflikt?

Ein Konflikt ist nach einer Lösung erledigt. Ein Muster geht weiter, auch wenn das Thema gelöst ist.

Donnerstagsbrief

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Ich schreibe jeden Donnerstag einen Brief an Frauen, die an sich und an ihrer Beziehung arbeiten.

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Mehr dazu in der Podcast-FolgeWarum du dich selbst verstehst, dich aber trotzdem nicht veränderst

Wenn in deiner Beziehung Gewalt, systematische Abwertung, Kontrolle oder Isolation vorkommen, ist das keine Frage von Kommunikation. Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ist rund um die Uhr, kostenfrei und anonym unter 116 016 erreichbar.