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Was 433 Frauen über ihre Beziehung geschrieben haben

Von Meryem Erkan · Veröffentlicht am

433 Frauen haben sich bei mir für ein Mentoring beworben und dabei aufgeschrieben, was in ihrer Beziehung nicht stimmt. Als ich die Antworten ausgewertet habe, war das Ergebnis deutlicher, als ich erwartet hatte. Fast alle beschreiben dasselbe, und fast keine beschreibt das, was man in Beziehungsratgebern findet.

Die Zahlen unten sind aus zwei Formularen, ausgewertet im September 2026. Alle Angaben sind zusammengefasst, alle Zitate anonymisiert.

Das erste Ergebnis: Es dauert Jahre

Von 257 Frauen, die ein Formular zur Arbeit an sich selbst ausgefüllt haben, gaben 160 an, dass ihr Problem seit Jahren besteht. 75 sprachen von Monaten, 24 von Wochen.

Das heißt: Rund 62 Prozent leben seit Jahren mit demselben Zustand.

Das deckt sich mit dem, was ich in Sitzungen sehe. Wenn ein Paar bei mir sitzt, tragen beide die Sache meistens schon sehr lange mit sich. Niemand kommt nach drei Wochen.

Was das für dich heißt, falls du gerade denkst, du müsstest längst weiter sein: Du bist nicht spät. Du bist im Durchschnitt.

Das zweite Ergebnis: Es ist immer dasselbe Wort

Im zweiten Formular, das sich an Paare richtete, konnten 176 Frauen auswählen, was ihre Lage am besten beschreibt. Die häufigste Antwort war nicht Streit. Sie war:

“Wir kommen aus bestimmten Mustern nicht raus.” 106 von 176, also etwa 60 Prozent.

Danach kamen:

  • “Wir lieben uns, aber es ist gerade schwer.” 97
  • “Wir fühlen uns voneinander entfernt.” 80
  • “Wir streiten häufiger als früher.” 74

Der zweite Satz ist bemerkenswert. Fast alle dieser Frauen sagen ausdrücklich, dass die Liebe da ist. Es ist kein Text über Paare, die sich nicht mehr mögen. Es ist ein Text über Paare, die sich mögen und nicht weiterkommen.

Und das Wort Muster stammt nicht von mir. Es war die Antwort, die am häufigsten gewählt wurde. Das ist das Wort, das Frauen selbst für ihre Lage benutzen.

Das dritte Ergebnis: Sie wollen keine Harmonie, sie wollen Ruhe

Bei der Frage, was sie sich wünschen, sahen die Antworten so aus:

  • Weniger Streit und weniger Getriggertsein: 129 Nennungen
  • Bessere Kommunikation: 128
  • Mehr Nähe und Verbindung: 105
  • Sicherheit und Stabilität: 97

Die beiden ersten liegen fast gleichauf und deutlich vor dem Rest. Jeweils etwa 73 Prozent.

Mich hat das zuerst überrascht, weil ich mehr Nennungen bei Nähe erwartet hätte. Inzwischen lese ich es anders: Nähe ist das Ziel, aber sie ist nicht der erste Schritt. Wer ständig im Alarm ist, kann keine Nähe zulassen. Erst wird es ruhig, dann wird es nah.

Das vierte Ergebnis: Wut steht obenauf

In dem Formular zur Arbeit an sich selbst gab es die Frage, was passiert, wenn sie getriggert werden. Die Antworten:

  • Wut: 87
  • Grübeln: 33
  • Angst: 31
  • Rückzug: 24
  • Körperliche Symptome: 19

Wut ist mit Abstand die häufigste Reaktion, und sie ist fast nie das erste Gefühl. Sie liegt obenauf. Darunter liegt meistens etwas anderes, nämlich Angst, Scham oder das Gefühl, nicht zu zählen.

Das erklärt, warum so viele Gespräche in diesen Beziehungen scheitern. Der Partner reagiert auf die Wut, weil er nur die sieht. Das Gefühl darunter kommt nie zur Sprache.

Wie das von innen aussieht, beschreiben die Frauen selbst drastischer, als ich es formulieren würde. Eine schrieb, es sei, als ob die Brust platzt und ein Frosch im Hals sitzt. Eine andere: “Ich blocke alles ab.”

Das fünfte Ergebnis, und das wichtigste

Auf die Frage, warum sie es bisher nicht geändert haben, war die häufigste Antwort nicht Zeitmangel und nicht Geld.

Sie war: “Ich schaffe es nicht allein.”

Daneben Varianten wie “Ich habe viel an mir gearbeitet, aber den richtigen Punkt nicht gefunden” und “Ich habe nicht die richtige Hilfe erhalten”.

Das ist die Gruppe, die es schon versucht hat. Bücher, Podcasts, Selbstreflexion. Es ist nicht so, dass diese Frauen nichts getan hätten. Sie haben viel getan und sind an einer Stelle hängen geblieben, die von innen nicht zu sehen ist.

Dazu passt die Bereitschaft: 236 von 257 kreuzten an “Es reicht. Ich will das jetzt ändern.”

Was die Frauen selbst schreiben

Das sind einige der Sätze aus dem Feld, in dem sie ihre Beziehung in einem Satz beschreiben sollten. Anonymisiert, aber im Wortlaut.

“Wir sind beide vollkommen erschöpft und kein Team mehr.”

“Gute Geschäftspartner, schlechte Ehepartner.”

“Es ist eine Ehe ohne eine Beziehung.”

“Unsere Ehe läuft einfach so, weil wir Verantwortungen haben.”

“Die Ehe läuft einseitig, der eine liebt, der andere funktioniert.”

“Ein paar Wochen läuft alles harmonisch, wir haben Hoffnung. Doch irgendwann geraten wir wieder in dieselben Streitigkeiten und fallen in unsere alten Muster zurück.”

“Zwei Seelen unverstanden.”

Der letzte Satz ist von allen der, der mir am meisten hängen geblieben ist.

Was ich daraus gelernt habe

Erstens: Die meisten Frauen suchen keine Entscheidung, sondern Einordnung. Nicht “soll ich gehen”, sondern “was ist das, was bei uns passiert”. Das ist ein Unterschied, und er bestimmt, welche Art von Unterstützung überhaupt hilft.

Zweitens: Das Problem ist fast nie das Thema. Bei den Nennungen zum Hauptproblem lag die Partnerschaft mit 117 weit vorn, Eltern und Schwiegereltern bei 10, die Arbeit bei 13. Es geht also nicht um äußere Umstände. Es geht um das, was zwischen zwei Menschen abläuft.

Drittens: Fast alle haben es schon versucht. Das hat meine Arbeit verändert. Wer es noch nie versucht hat, braucht Wissen. Wer es dreimal versucht hat, braucht etwas anderes, nämlich jemanden, der von außen sieht, wo es hängt, und mit dem geübt wird, statt nur darüber zu reden.

Was diese Zahlen nicht sind

Eine repräsentative Umfrage.

Das sind Frauen, die sich aus eigenem Antrieb bei mir beworben haben. Sie sind damit vorausgewählt: Sie haben Leidensdruck, sie suchen aktiv, und sie folgen mir vermutlich schon länger. Für die deutsche Bevölkerung lassen sich daraus keine Schlüsse ziehen.

Was sie zeigen, ist etwas anderes und für mich Wertvolleres: wie Frauen ihre Beziehung beschreiben, wenn sie zum ersten Mal aufschreiben, was los ist, und niemand zuhört, der sie kennt.

Wenn du dich in diesen Sätzen wiedererkennst

Dann bist du in einer größeren Gruppe, als es sich anfühlt. Das ist der Grund, warum ich diese Auswertung veröffentliche.

Und falls du beim Lesen dachtest, bei euch sei es schlimmer als in diesen Sätzen, weil Abwertung, Kontrolle oder Gewalt dazukommen: Das ist dann kein Muster, an dem zwei arbeiten können. Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ist rund um die Uhr, kostenfrei und anonym unter 116 016 erreichbar.

Datenbasis

Zwei Bewerbungsformulare mit 257 und 176 Antworten, ausgewertet am 14. September 2026. Aggregierte Angaben, Zitate anonymisiert.

Häufige Fragen

Wie lange leben Frauen mit Beziehungsproblemen, bevor sie etwas ändern?

In dieser Auswertung von 257 Antworten gaben 160 Frauen an, dass der Zustand seit Jahren besteht, also rund 62 Prozent. Nur 24 sprachen von Wochen.

Was ist das häufigste Beziehungsproblem?

Nicht Streit und nicht fehlende Liebe. Am häufigsten gewählt wurde "Wir kommen aus bestimmten Mustern nicht raus", von 106 von 176 Frauen.

Was wünschen sich Frauen in Beziehungskrisen am meisten?

Weniger Streit und weniger Getriggertsein, dicht gefolgt von besserer Kommunikation. Beides jeweils rund 73 Prozent, deutlich vor mehr Nähe.

Was passiert, wenn Frauen getriggert werden?

Am häufigsten Wut, bei 87 von 257. Danach Grübeln, Angst, Rückzug und körperliche Symptome. Wut ist dabei fast nie das erste Gefühl, sondern liegt obenauf.

Warum ändern Frauen ihre Situation nicht früher?

Die häufigste Antwort war "Ich schaffe es nicht allein", nicht Zeit oder Geld. Die meisten hatten es vorher schon mehrfach versucht.

Sind diese Zahlen repräsentativ?

Nein. Es handelt sich um Frauen, die sich aus eigenem Antrieb beworben haben, also um eine vorausgewählte Gruppe mit hohem Leidensdruck.

Donnerstagsbrief

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Ich schreibe jeden Donnerstag einen Brief an Frauen, die an sich und an ihrer Beziehung arbeiten.

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Wenn in deiner Beziehung Gewalt, systematische Abwertung, Kontrolle oder Isolation vorkommen, ist das keine Frage von Kommunikation. Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ist rund um die Uhr, kostenfrei und anonym unter 116 016 erreichbar.